Lars Thomsen: "Es lohnt sich, frühzeitig den Bereich Energienetze anzusehen" Quelle: Sven Jakobsen

„Ein Umbruch wie nach der Erfindung der Dampfmaschine“

Autor: Lars Thomsen, Inhaber Future Matters

Wer die Zukunft kennt, kann daraus Kapital schlagen. Im Interview mit Universal-Investment erklärt der Zukunftsforscher Lars Thomsen, was er für die derzeit aussichtsreichsten Technologien hält, welche Investments sich noch lohnen und wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz unser Leben verändern.

Lars Thomsen, Inhaber Future Matters Quelle: Sven Jakobsen

Universal-Investment:Herr Thomsen, institutionelle Anleger leiden darunter, dass „sichere“ Anlagen derzeit kaum noch Zinsen bringen. Wo würden Sie als Institutioneller ihr Kapital anlegen?

Thomsen: Im Bereich neuer Energien gibt es eine ganze Reihe von langfristigen Projekten, die ansehnliche Renditen bringen und auch sehr sicher sind. Für Solar-Bonds etwa bekommt man in den USA derzeit zwischen fünf und sechseinhalb Prozent Zinsen. Und es müsste schon sehr viel passieren, damit diese Anlagen nicht laufen.

Universal-Investment: Was halten Sie von Infrastruktur-Bonds?

Thomsen: Es lohnt sich, frühzeitig den Bereich Energienetze anzusehen. Dort stehen wir vor einem Umbruchpunkt, wir nennen das „Tipping Point“: Wenn wir mehr regenerative Energien nutzen, wird das Stromnetz anders aussehen müssen – es wird intelligenter und mit dezentralen Speichern versehen. Die Renditen für solche Projekte werden höher sein als bei klassischen Infrastrukturprojekten. Autobahnen oder Schienentrassen werden angesichts des demographischen Wandels etwas an Bedeutung verlieren.

Universal-Investment: Wie sieht es mit den Bereichen Wasser- und Windkraft aus?

Thomsen: Windenergie wird global weiter wachsen und langfristige Renditen bringen, Solarenergie entwickelt sich aber dynamischer. Sie wird langfristig einen größeren Anteil am Markt übernehmen als Windenergie. Bei Wasser muss man unterscheiden. In Pumpspeicherwerke würde ich nicht mehr investieren, weil Batterien inzwischen die günstigere Speicherform sind. Interessanter ist der Versuch, die Wasserressourcen intelligenter zu nutzen. In Kalifornien etwa wird viel in Technologien investiert, die eine wassersparende Bewirtschaftung in der Landwirtschaft oder der Industrie ermöglichen.

Universal-Investment: Wir haben bisher über Bonds gesprochen, sehen Sie auch bei Aktien Anlagechancen?

Thomsen: Ich würde bei einer ganzen Reihe von Unternehmen Aktien kaufen. Im Solarsektor etwa gibt es Firmen, deren Aktien momentan mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von fünf gehandelt werden. Damit investiert man in einen Markt, der sich in den nächsten zehn Jahren verzehn- bis verdreißigfacht. Interessant sind auch Firmen, die sich um die nächste Stufe der Mobilität kümmern – selbst wenn die Bewertungen im Bereich Elektromobilität mitunter schon recht hoch sind.

Universal-Investment: Wenn alle Autohersteller auf Elektroantrieb setzen, würde dies nicht auch bei Batterieherstellern Chancen für Anleger bieten?

Thomsen: Ja. Derzeit nutzt ein durchschnittlicher Konsument in seinen Elektrogeräten ungefähr 300 Gramm Lithium-Ionen-Batterien. Kauft er ein Elektroauto, vertausendfacht sich diese Menge auf 300 Kilogramm. Der Batteriemarkt wird in den nächsten zehn Jahren explodieren. Steigt die Nachfrage schneller als die Produktion, werden Batterien sogar entgegen dem langfristigen Trend teurer. Wenn dann als Reaktion neue Batteriefabriken errichtet werden, so wie es Tesla mit der „Gigafactory“ vormacht, fallen die Batteriepreise so stark, dass kein Auto oder keine Solaranlage mehr ohne Batterie gebaut wird. Eine zyklische Investition zum richtigen Zeitpunkt müsste angesichts dieser absehbaren Entwicklung eine relativ sichere Wette sein.

Universal-Investment: Künstliche Intelligenz übernimmt immer häufiger Anlageentscheideungen, während Portfoliomanager alter Schule noch ihrem Bauchgefühl vertrauten. Worauf setzen Sie?

Thomsen: Es braucht menschliche Intelligenz, um langfristige Investmententscheidungen zu treffen. Nur Menschen können Prototypen erfahren oder einen persönlichen Eindruck vom Management gewinnen. Dafür muss man aber das Büro verlassen. Was Menschen am Schreibtisch tun, kann der Computer besser und schneller.

"Es braucht menschliche Intelligenz, um langfristige Investmententscheidungen zu treffen"

Lars Thomsen ,
Inhaber Future Matters

Universal-Investment: Was ist für Sie die wichtigste technologische Entwicklung unserer Zeit?

Thomsen: Ganz klar die künstliche Intelligenz. Der Umbruch, den sie in den nächsten zehn bis 15 Jahren bringen wird, dürfte ähnlich dramatisch sein wie nach der Erfindung der Dampfmaschine. Künstliche Intelligenz kann viele Routinearbeiten, die bislang Menschen ausgeführen, ersetzen. Unsere Arbeitswelt wird sich dadurch verändern, die 40-Stunden-Woche und der Anspruch auf Vollbeschäftigung werden der Vergangenheit angehören. Große Versicherungen machen schon heute Planspiele, nach denen sie die gleiche Leistung mit nur 30 Prozent ihrer Mitarbeiter erreichen können, wenn sie voll auf Digitalisierung setzen. Wenn aber 70 Prozent der Beschäftigten ihren Job verlieren, wären diese Leute auf Sozialtransfers angewiesen, die künftig niemand finanziert - Computer zahlen weder Lohnsteuer noch Sozialbeiträge.

Universal-Investment: Das könnte man ändern. Wäre eine Maschinensteuer die Lösung?

Thomsen: Wir müssen Gewinne sinnvoll verteilen, wenn ein großer Teil der Wertschöpfung von Maschinen erbracht wird. Ich bin froh, dass in Europa schon darüber diskutiert wird. Leider brauchen wir eine globale Lösung. Würde nur eine Wirtschaftsregion Maschinensteuern einführen, würde sie für Investoren sofort unattraktiv. Wir haben reale Szenarien entwickelt, nach denen die nächste große Krise eine weltweite Krise der Arbeit sein wird. Erst dann wäre der Druck groß genug, um sich global mit dem Thema zu beschäftigen.

Universal-Investment: Neue Technologien führen also nicht zum Glück für alle?

Thomsen: Ich befürchte, dass die nächsten zehn Jahre eher noch mehr Veränderungen und Krisenpotenzial bringen als die letzte Dekade. Der Durchbruch von neuen Technologien wie der künstlichen Intelligenz kommt schließlich erst noch. Utopia wird noch etwas dauern.

Universal-Investment: Welche Technologien - neben der künstlichen Intelligenz – werden uns am meisten beeinflussen?

Thomsen: Das Thema Biotechnologie und genetische Manipulationen ist enorm wichtig. Wir werden eine dritte Form der Medizin erleben, nach Chirurgie und chemischer Medizin. Künftig können wir in der „Software“ des Menschen Fehler mit Hilfe von Genmanipulationen korrigieren, was die Lebenserwartung um zehn oder mehr Jahre erhöhen wird. Energie, Elektromobiliät und Robotik sind ebenfalls wichtig. Im Alter werden wir nicht mehr auf andere angewiesen sein. Autonome Autos halten uns mobil, Roboter helfen im Haushalt. Schon heute helfen Exoskelette querschnittsgelähmten Menschen dabei, wieder zu gehen.

Universal-Investment: Sie prognostizieren dank künstlicher Intelligenz das „Ende der Dummheit“. Kritiker befürchten aber, dass autonome Maschinen den Menschen überfordern. Was antworten Sie?

Thomsen: Es gibt kein Zurück. Schon jetzt sind viele Menschen überfordert mit den Mengen an Daten, Informationen und parallel laufenden Prozessen. Künstliche Intelligenz kann Abhilfe schaffen. Irgendwann werden wir einen digitalen Assistenten haben, der für uns Auto fährt, unsere Reisen plant, die Steuererklärung ausfüllt und hilft, wichtige Informationen von unwichtigen zu trennen. Es ist Teil unseres Schicksals, dass wir Technologien erfinden, mit denen wir umgehen müssen.

Universal-Investment: Wir sollten uns also auf die Zukunft freuen, anstatt sie zu fürchten?

Thomsen: Ich glaube, dass die Zukunft menschlicher sein wird, als es die Gegenwart ist.

 

Über Lars Thomsen

Lars Thomsen gehört zu den weltweit führenden Zukunftsforschern. Sein besonderes Interesse gilt den Bereichen Energie, Mobilität und Intelligente Netzwerke. Der 1968 in Hamburg geborene Thomsen berät mit seiner Firma Future Matters Unternehmen, Institutionen und regierungsnahe Stellen bei der Entwicklung von Zukunftsstrategien und Geschäftsmodellen. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit ist er auch Mitglied zahlreicher Think Tanks. Lars Thomsen lebt mit seiner Familie am Zürichsee in der Schweiz.

Autor: Lars Thomsen, Inhaber Future Matters
Erscheinungsdatum: 13.02.2017