Rechnungslegung: Herausforderungen durch neue IFRS Foto: Inok Quelle: iStock

Rechnungslegung: Herausforderungen durch neue IFRS

Autor: Adrian Geisel, Martin Hoser

Ab 2018 gilt IFRS 9 für die Bilanzierung von Finanzanlagen. Besondere Herausforderungen kommen auf Versicherer zu, die ab 2021 auch noch IFRS 17 umsetzen müssen. Zwei Experten, Adrian Geisel und Martin Hoser, sprechen über die Folgen der neuen Rechnungslegungsvorschriften.

Adrian Geisel, Director IFRS Centre of Excellence, Deloitte Quelle: Deloitte
Martin Hoser, Partner im Bereich Financial Services, KPMG AG Quelle: KPMG AG

Der International Financial Reporting Standard (IFRS) 9 regelt unter anderem die Bilanzierung finanzieller Vermögenswerte. „Bei Industrieunternehmen sind das schon Forderungen aus Lieferungen und Leistungen, aber auch Anleihen, Aktien, Derivate oder GmbH-Beteiligungen“, sagt Adrian Geisel, Director im IFRS Centre of Excellence beim Prüfungsund Beratungsunternehmen Deloitte. Wie finanzielle Vermögenswerte bilanziert werden, hänge künftig von der Geschäftsmodellbedingung ab – also davon, was Unternehmen damit vorhaben. Beim reinen Halten sei die Bilanzierung zu fortgeführten Anschaffungskosten vorgesehen. „Soll ein Asset dagegen verkauft werden, kommt die Fair-Value-Bewertung zur Anwendung“, sagt Geisel.

Zahlungsströme entscheiden

Die bilanzielle Bewertung hänge auch von den Zahlungsströmen ab. „Anleihen und Loans können nur dann zu fortgeführten Anschaffungskosten oder erfolgsneutral zum Fair Value bewertet werden, wenn sie einfache Zahlungsströme aufweisen“, erläutert Geisel, „Emittenten werden Anleihen deshalb künftig so gestalten, dass diese Bedingung erfüllt wird.“ Bei Darlehen sei dies schwieriger. „Loans dürften bei vielfältigen Nebenabreden schwieriger so anzupassen sein, dass ihre Zahlungsströme einfach sind.“

Bei Aktien gibt es andere Knackpunkte. „Hier ist zwar die Bewertung zum Fair Value vorgesehen, und Wertänderungen können – wie bisher – im Eigenkapital erfasst werden,“ sagt Geisel, „neu ist aber, dass man dann Veräußerungsgewinne nicht mehr in die Gewinnund Verlustrechnung (GuV) überführen kann.“ Das Aktieninvestment zu Anlagezwecken werde damit nicht unbedingt attraktiver. Anders sehe es bei strategischen Aktienbeteiligungen aus, die über lange Zeit gehalten werden: „In diesem Fall muss man sich künftig keine Gedanken mehr über Wertminderungen und GuVAufwendungen machen.“

Private Equity wird laut Geisel im IFRS 9 wie Aktien behandelt, solange die Beteiligung nicht über 20 Prozent liegt: „Wenn man sich dafür entscheidet, erfolgsneutral zum Fair Value zu bewerten, würde sich auch bei Private Equity kein Veräußerungserfolg mehr zeigen.“ Dies könne kritisch werden, weshalb die IFRS-Auswirkungen auf langfristige Eigenkapitalinvestoren in Europa unter Beobachtung stünden.

Neues Wertminderungsmodell

Eine fundamentale Veränderung sieht Geisel im neuen Wertminderungsmodell. Es sehe viel stärker in die Zukunft und stelle mehr auf erwartete Verluste ab als bisher: „Nach der Finanzkrise wurde kritisiert, dass die Anlageverluste zu gering und zu spät erfasst würden, dem hat man jetzt begegnen wollen.“ Der Preis dafür sei, dass die Wertminderung
durch den Zukunftsbezug stärker ermessensabhängig werde – und die Volatilität der in der GuV erfassten Wertminderung tendenziell steige. Dennoch sieht Geisel das neue Regelwerk insgesamt positiv: „Im Vergleich zum Vorgängerstandard IAS 39 liefert IFRS 9 nützlichere Informationen und rückt näher an das heran, was Unternehmen wirklich tun.“ Die praktische Umsetzung ist allerdings kein Zuckerschlecken. „Es läuft auf eine Generalinventur heraus, um zu entscheiden, wie die finanziellen Vermögenswerte künftig gesteuert werden“, sagt Geisel, „daneben muss man sich auch noch die Zahlungsströme anschauen.“ Knifflig sei, die nötigen Daten auch für die Vergangenheit zu bekommen. „Welche Nebenabreden ein vor Jahren ausgereichtes Darlehen hat oder wie hoch das Ausfallrisiko beim Kauf einer Anleihe war, muss erst einmal ermittelt werden“, sagt Geisel, „das ist eine Herkulesaufgabe.“ Gelöst werden muss das Problem bis zum Jahresende.

Längere Schonfrist für Versicherer

Etwas mehr Zeit für die IFRS-9-Umsetzung haben Versicherer, weil sie auch noch IFRS 17 zu bewältigen haben. Mit dem Regelwerk werden erstmals verschiedenste Versicherungsverträge – von der Krankenund Kfz- bis zur Lebensversicherung – nach einheitlichen Standards bilanziert. Eine wesentliche Neuerung ist laut Martin Hoser, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, die Verwendung aktueller Annahmen bei der Bewertung versicherungstechnischer Rückstellungen und die marktkonsistente Bewertung aller Finanzrisiken. Allerdings spiegeln aktuelle Marktannahmen nach Hosers Ansicht nicht immer die langfristigen Erwartungen wider, nach denen Versicherungsprodukte gestaltet und bepreist werden. Dass mit IFRS 17 eine systematische Bewertung aller Nicht-Finanzrisiken erfolgt, hat für Hoser den Vorteil, dass „die Margen aus Versicherungsrisiken keine Blackbox mehr sind, die nicht oder sehr pauschal berücksichtigt werden – allerdings kann die Subjektivität der Bewertung die Vergleichbarkeit der Abschlüsse deutlich reduzieren.“

Die in IFRS 17 vorgesehene Trennung von versicherungstechnischem und Finanzergebnis in der GuV decke die Quellen der Gewinne auf, sagt Hoser, während die Verteilung anfänglicher Gewinne über die Deckungsperiode eines Vertrages die Transparenz der Gewinnmargen erhöhe und für eine mit anderen Dienstleistungsgeschäften besser vergleichbare Gewinnvereinnahmung sorge. Für kurzlaufende Versicherungsverträge sei zwar eine vereinfachte Bewertung vorgesehen, allerdings könne es nötig sein, sowohl den vereinfachten als auch den allgemeinen Bewertungsansatz zu implementieren.

Kampf mit der Datenflut

Die mit IFRS 17 geforderten umfangreichen Anhangstabellen sorgen zwar für eine hohe Transparenz, aber auch für einen riesigen Umsetzungsaufwand. „Daten müssen dafür granular und in hoher Qualität vorliegen“, sagt Martin Hoser, „technisch entsprechen die nötigen Strukturen allerdings weitgehend den für Solvency II entwickelten Systemen, auch wenn an vielen Stellen Modifikationen erforderlich sind.“

Als Problem sieht Hoser, dass die Standards teilweise rückwirkend zur Anwendung kommen. Dies sei oft nicht praktikabel. Ein weiteres Problem sei, dass im Unterschied zu
Solvency II die Aktivseite nach IFRS nicht vollständig zum Zeitwert bewertet werde: „Aus den Bewertungsdifferenzen können sich Konsequenzen für das Anlageverhalten der betroffenen Unternehmen ergeben.“ Die Mehrheit der deutschen Versicherer sieht Hoser „auf einem guten Weg zur Umsetzung von IFRS 17.“ Die Standards gelten ab Januar 2021, allerdings sind für das Jahr 2020 bereits Vergleichszahlen zu ermitteln. „Daraus ergibt sich eine Frist von zweieinhalb Jahren, was für die Komplexität der Umsetzung sehr ambitioniert ist“, meint Hoser.

Neue Kennzahlen erforderlich

Adrian Geisel betont, dass IFRS 17 immense Folgen haben wird, zumal – anders als bei IFRS 9 – kein vergleichbarer Vorgängerstandard existiert: „Für Versicherer bedeutet es eine komplette Neustrukturierung der Passivseite der Bilanz und der GuV.“ Damit würden völlig neue Kennzahlen erforderlich. „Wie fließt das alles in die Unternehmensbewertung ein?“, werden sich Geisel zufolge Investoren fragen: „Die neuen Regeln könnten den Blick von Anlegern auf die Versicherer stark verändern.“ 

Autor: Adrian Geisel, Martin Hoser
Erscheinungsdatum: 29.09.2017