„Wichtig ist es, dass wir mit einer ruhigen Hand agieren, wenn der Zins- oder Aktienmarkt volatil ist. Diese Ruhe und Erfahrung bringen unsere Teams mit.“ Foto: Alexander Habermehl; Quelle: Universal-Investment

„Kommunalanleihen haben einen besonderen Stellenwert bei uns“

Autor: Jan von Graffen und Timo Lüllau

Die Garantien zu erfüllen, wird für viele Versicherer im Niedrigzinsumfeld immer schwieriger, weil momentan keine wirkliche Trendwende an den Zinsmärkten zu erwarten ist. Trotz des nicht einfachen Umfelds zeigt Jan von Graffen, Zentralbereichsleiter Renten/Cash bei Alte Leipziger, im Interview auf, wie sich die Alte Leipziger diesen Herausforderungen im Anleihebereich stellt. Auch dank innovativer Lösungen im Alternatives-Bereich, die die Alte Leipziger gemeinsam mit Universal-Investment realisiert hat, kann der Versicherer auf zusätzliche solide Renditechancen zurückgreifen, die ebenfalls den Versicherten zu Gute kommen werden.

Jan von Graffen ist Zentralbereichsleiter Renten/Cash beim Alten Leipziger – Hallesche Konzern. Er ist seit mehr als 14 Jahren im institutionellen Asset Management tätig. Vor der Alte Leipziger war er bei verschiedenen Versicherungen in leitenden Funktionen tätig. Hierbei hat er Erfahrung in der gesamten Bandbreite der Kapitalanlage eines VAG-Investors gesammelt. Seit Oktober 2015 verantwortet er als Zentralbereichsleiter im Alte Leipziger – Hallesche Konzern den Fixed Income Bereich mit Assets in einem Volumen von rund 27 Milliarden Euro. Insbesondere bei Investitionen im deutschen Kommunalmarkt hat sich die Alte Leipziger durch eine innovative Herangehensweise positioniert. Foto: Alexander Habermehl Quelle: Universal-Investment

Universal-Investment: Herr von Graffen, das anhaltende Niedrigzinsumfeld macht es immer schwieriger für Versicherer, die Garantieverzinsung für die Verpflichtungen gegenüber den Versicherten einzuhalten. Wie stellen Sie sich als Alte Leipziger diesen Herausforderungen?

von Graffen: Wir erfüllen unsere Garantieversprechen, so dass ein Run-Off aus Altverträgen für uns kein Thema ist. Als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit sind wir noch mehr als eine Aktiengesellschaft in der Verpflichtung, unsere Versprechen gegenüber Kunden einzuhalten. Letztendlich sind unsere Mitglieder unsere Eigentümer. Wir führen Modellrechnungen durch, die zeigen, dass wir auch langfristig unseren Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden nachkommen können.

Die Alte Leipziger hat nicht nur alte Verträge, sondern auch langlaufende „alte“ Zinstitel im Bestand. Wir haben sehr früh begonnen, unseren Portfoliomix an der Passivseite zu orientieren und eine entsprechend lange Duration aufgebaut. Bedenken Sie auch, dass der Höchstrechnungszins bei Neuverträgen nicht mehr bei vier Prozent, sondern bei 0,9 Prozent liegt. Für Kunden, die von volatilen Börsen unabhängig sein möchten, bietet die Alte Leipziger weiterhin Produkte mit Garantien an. Je nach Anlagewunsch können sich Kunden auch für eine fondsgebundene Altersvorsorge entscheiden und dabei aus über 100 Fonds wählen. Bei unserer neuen Rentenversicherung AL_RENTEFlex können die Kunden wählen, ob sie am Sicherungsvermögen partizipieren und Überschüsse in Anspruch nehmen oder lieber auf eine Rendite durch die Fondsanteile setzen. Unser Produkt bietet da einen optimalen Grad an Flexibilität für unsere Kunden.

Universal-Investment: Wie sehen Sie die weitere Entwicklung an den Zinsmärkten im Euroraum?

von Graffen: Wir gehen Ende 2018 nach Beendigung des Ankaufprogramms der Europäischen Zentralbank nicht von einem massiven Zinsanstieg aus. Die Zinsen werden vielleicht leicht nach oben gehen, aber vermutlich nicht so deutlich wie teilweise befürchtet bzw. erhofft. Bei 10-jährigen Bundesanleihen sehen wir Entwicklungen bei den Renditen von bis zu einem Prozent als realistisch an. Vom aktuellen Level ausgehend ist das relativ gesehen ein deutlicher Anstieg, aber wir müssen uns auch klar machen, dass die Zinsen momentan sehr niedrig bis negativ sind. Außerdem kann sich die Europäische Union auch keine hohen Zinsen leisten – analog zu den Japanern, die seit Jahren in diesem Fahrwasser schwimmen.

Universal-Investment: Welche Anlagestrategie wählen Sie aufgrund der Niedrigzinsphase im Fixed-Income-Bereich?

von Graffen: Wir sind ein langfristig orientierter Anleger, denn wir haben auch langfristige Verpflichtungen. Trotz Niedrigzinsen steht für uns definitiv die Qualität der Assets im Fokus. Anleihen müssen immer mindestens ein Rating von AA- aufweisen, darunter legen wir nicht an. Bei der Auswahl der Anleihen bewegen wir uns vorwiegend im staatlichen, staatsnahen und substaatlichen Bereich mit Schwerpunkt auf Deutschland. Außerdem sind Pfandbriefe und Kommunalanleihen für uns wichtige Anlageinstrumente. Wir verzichten auf Nachranganleihen, Bankschuldverschreibungen oder Unternehmensanleihen im Portfolio, weil wir keine klassischen Kreditrisiken nehmen wollen.

Trotz Niedrigzinsen steht für uns definitiv die Qualität der Assets im Fokus.

Jan von Graffen

Kommunalanleihen haben einen besonderen Stellenwert bei uns. Sie stehen oftmals nicht so im Fokus von Anlegern, obwohl hier noch attraktive Risikoaufschläge im Verhältnis zu Bundesländern erzielt werden können. Auch wenn es keine explizite Garantie gibt, so ist die Wahrscheinlichkeit doch sehr gering, dass eine Kommune zahlungsunfähig wird und keine Unterstützung vom Land erhält. Und es gilt zu beachten, dass Kommunen insolvenzunfähig sind. Wir vertrauen hier auf die deutsche Haftungskette. In den letzten Jahren konnten wir mit Kommunalanleihen einen durchschnittlichen Pickup von rund 40 Basispunkten gegenüber Anleihen von Bundesländern erzielen. Durch regelmäßige Besuche vor Ort können wir uns auch immer einen Eindruck von den Kommunen und ihren Kämmerern machen, um zu sehen, wie sinnvoll ein Investment sein kann. Diese persönliche Beziehung zu den Kommunen hilft uns auch die Bedürfnisse und Rahmenbedingungen der anderen Seite besser zu verstehen. Umgekehrt erzeugen wir damit eine höhere Transparenz für unsere Anlagevorgaben. Wir haben hier sehr gute Erfahrungen gemacht.

Außerdem überprüfen wir mit einem eigenen Scoring-System, wie nachhaltig ein mögliches Investment ist. Gleiches gilt für unsere weltweiten Anlagen. Hier überprüfen wir Länder mit Ratings von AAA bis AA-, um zu sehen, wo ein Mehrertrag möglich ist. So investieren wir etwa nicht in südkoreanische Anleihen. Obwohl das Land wirtschaftlich sehr erfolgreich und solide ist, halten wir die politischen Risiken durch Nordkorea oder China für zu groß, um dort zu investieren. Momentan sind wir beispielsweise bevorzugt im substaatlichen Bereich in Australien, Kanada und in den nordeuropäischen Ländern investiert. Wir investieren auch nur in EUR-Anleihen, um Währungsrisiken zu vermeiden. Wir weiten den Anlagehorizont weltweit sukzessive aus. Vieles beobachten wir aber auch nur, so etwa Bonds aus den Emerging Markets. Hier ist es für uns natürlich wichtig zu wissen, wie die Märkte rechts und links von uns laufen.

Universal-Investment: Hat sich die Struktur Ihres Gesamtportfolios durch das Niedrigzinsumfeld in den letzten Jahren maßgeblich verändert? Gab es eine deutliche Verschiebung zu Aktieninvestments?

von Graffen: Die grundlegende Struktur hat sich nicht geändert. Wir vereinnahmen Risikoprämien primär über Aktien, nicht über Kreditrisiken. Der Aktienanteil ist relativ konstant geblieben bzw. leicht erhöht worden und liegt bei circa fünf bis sechs Prozent. Der Fixed-Income-Bereich, der rund 85 Prozent unseres Portfolios ausmacht, stellt nach wie vor die Basis zur gesicherten Finanzierung unserer Garantien dar. Über den Kauf der langlaufenden Anleihen vereinnahmen wir außerdem Liquiditätsprämien.

Universal-Investment: Wie ist der Aktienbereich ausgestaltet? Gibt es hier Präferenzen?

von Graffen: Im Aktienbereich bilden wir mit einem eigenen Team im Wesentlichen Indices nach. Wichtig ist es, dass wir mit einer ruhigen Hand agieren, wenn der Zins- oder Aktienmarkt volatil ist. Diese Ruhe und Erfahrung bringen unsere Teams mit. Manche Teammitglieder sind für die Alte Leipziger seit mehreren Jahrzehnten tätig.

Universal-Investment: Alternatives gewinnen zunehmend an Bedeutung bei institutionellen Investoren aufgrund besserer Renditeaussichten. Welche Alternatives hat die Alte Leipziger im Portfolio?

von Graffen: Alternatives haben immer schon eine wichtige Rolle zur Diversifikation unseres Portfolios gespielt, wenn wir die Immobilien mit dazuzählen. Wir sind vor allem im Wohnungs- und Einzelhandelssegment sehr stark engagiert. Vor anderthalb Jahren haben wir angefangen, in Onshore-Windanlagen in Deutschland zu investieren. Die Laufzeit dieser Anlagen beträgt in der Regel mehr als 20 Jahre. Das entspricht unserer Verpflichtungsseite, weil wir hier eine langfristige Prognostizierbarkeit und Planbarkeit haben. Mit Blick auf Europa fokussieren wir uns auf den Wind-Offshore-Bereich. Hier wollen wir unsere Investments auch noch stärker ausweiten. Bei erneuerbaren Energien investieren wir derzeit nur in Windanlagen. Wir beobachten aber auch intensiv alternative Speichertechnologien für Energien und alternative Anlageklassen wie Solar oder Wasser. Um einen Portfolioeffekt zu erzielen, bedarf es einer gewissen Mindestmenge, weil der Aufwand und die Komplexität dieser Anlagevehikel nicht unterschätzt werden dürfen. Unsere Zielquote, ohne Immobilien, liegt hier bei 2,5 bis 3 Prozent unserer Kapitalanlagen.

Universal-Investment: Sie haben gemeinsam mit Universal-Investment eine Strukturierung Ihrer alternativen Assets vorgenommen. Wie sieht diese genau aus?

von Graffen: Gemeinsam mit Universal-Investment haben wir eine Fondsplattform für alternative Investments (SICAV SCS RAIF) realisiert. Für uns ist diese Lösung derzeit das sinnvollste Investmentvehikel, weil die Struktur dieses Investmentfonds so flexibel ist, dass wir auch andere Asset-Klassen sukzessive einbinden können. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Fondsstruktur in einem relativ kurzen Zeitraum implementierbar ist. Aufgrund der Art der Zielinvestments bietet die SICAV-Struktur für uns die ideale Struktur, um Risiken angemessen zu managen. Universal-Investment hat uns bei der Umsetzung tatkräftig unterstützt und zielorientiert beraten.

Universal-Investment: Durch die Regulierung sind Großanleger in Ihrem Anlageumfang in alternative Investmentanlagen begrenzt. Sehen Sie die aktuellen Vorgaben durch die Regulierung / Solvency II als hinderlich an? Ist die Eigenkapitalunterlegung nicht zuletzt auch eine durchaus kritische Bürde für Versicherer?

von Graffen: Grundsätzlich ist Solvency II der richtige Weg für die Versicherungsbranche. Wir müssen die Risiken unserer Investitionen im Blick haben und entsprechend Kapital vorhalten. Über die Höhe der Quoten kann man sich sicherlich streiten, denn sie sind oftmals nicht wirklich nachvollziehbar. Die Struktur unseres Fixed-Income-Bereiches ermöglicht es uns, dass wir auch gezielt andere Investments tätigen können. Die Alte Leipziger hatte Ende 2017 eine Solvency II-Quote von über 300 Prozent. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass wir weder das Volatility Adjustment noch andere Übergangsmaßnahmen genutzt haben. Unsere Größe und unser vorausschauend konservativer Ansatz ermöglichen es uns, neue Themen wie Alternatives gezielt und strukturiert umzusetzen.

Universal-Investment: Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit für die Alte Leipziger?

von Graffen: Das Thema Nachhaltigkeit hat für uns als Alte Leipziger einen hohen Stellenwert. Wir beobachten gerade etwa den neu entstehenden Markt für Green Bonds. Der erste grüne kommunale Schuldschein wurde kürzlich aufgelegt. Hier waren wir auch beteiligt. Diese neue Anlageklasse gewinnt für uns in naher Zukunft vielleicht eine noch größere Bedeutung. Darüber hinaus hat die Alte Leipziger im vergangenen Jahr erstmals einen Nachhaltigkeitsbericht (ESG-Bericht) erstellt, wodurch Sie auch sehen, dass das Thema für uns wichtig ist. Im Moment konzentrieren wir uns, wie auch die Branche und die öffentliche Wahrnehmung insgesamt, sehr auf das E, den Umweltaspekt. Wir sollten die anderen beiden Buchstaben, das S und das G, jedoch nicht zu sehr vernachlässigen. Ich bin überzeugt davon, dass sie beide sehr stark auf das E einzahlen. Um hier eine höhere Transparenz für uns zu gewinnen, lassen wir aktuell unsere Kapitalanlagen diesbezüglich von einem renommierten, externen Partner durchleuchten. Auf dieser Grundlage werden wir weitere Entscheidungen treffen, wie wir das Thema Nachhaltigkeit in unser tägliches Doing integrieren können. Die Interessen der Kunden stehen für uns aber immer im Vordergrund und ein Zwang für eine Verschiebung in ESG-konforme Investitionen wäre wenig zielführend. Meiner Meinung nach brauchen Unternehmen eine gewisse Flexibilität und Freiheit, um selbst entscheiden zu können, in welche Anlagen investiert wird. Ein Rahmen ist in Ordnung, aber keine Zwangsvorgaben, denn letztendlich müssen die Kriterien den Kunden zu Gute kommen. Es ist nicht sinnvoll, Gelder nur in eine Richtung zu lenken, so dass die Risiken vielleicht gar nicht mehr adäquat bezahlt werden können – nur um besonders nachhaltig zu investieren. 

Der Alte Leipziger – Hallesche Konzern im Überblick:

Die Alte Leipziger Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit und die Hallesche Krankenversicherung auf Gegenseitigkeit wurden 1830 bzw. 1934 gegründet. Sie sind beide die Muttergesellschaften des Konzerns. Das Unternehmen zählt mehr als 3.000 Mitarbeiter. Die Kapitalanlagen des Alte Leipziger – Hallesche Konzerns hatten per Mai 2018 ein Volumen von 34 Milliarden Euro. Davon entfielen 24 Milliarden Euro auf die Lebensversicherung, weitere neun Milliarden Euro auf die Krankenversicherung sowie 0,8 Milliarden auf die Schaden- und Unfallversicherung und 0,3 Milliarden Euro auf die Pensionskasse. Die Beitragseinnahmen und Mittelzuflüsse des Konzerns lagen 2017 bei 4,5 Mrd. Euro. Die wichtigsten Umsatzträger sind private Rentenversicherungen (fondsgebunden und „Neue Klassik“), die Betriebliche Altersversorgung, Berufsunfähigkeitsversicherungen sowie Kranken-Voll- und Zusatzversicherungen.

Autor: Jan von Graffen und Timo Lüllau
Erscheinungsdatum: 25.09.2018