Sechs unabhängige Vermögensverwalter diskutierten über die Perspektiven ihrer Branche Foto: Piotr Banczerowski Quelle: Das Investment

Die Welt ist besser, als wir denken

Populismus-Effekte, Rentenfalle, alternative Fondsstrategien und Digitalisierung – sechs unabhängige Vermögensverwalter diskutierten mit Das Investment in Frankfurt am Main über die Perspektiven ihrer Branche

Die Roundtable-Teilnehmer von links: Thomas Lange, Andreas Bichler, Holger Gachot, Andreas Grünewald, Marc Siebel und Daniel Kröger Foto: Piotr Banczerowski Quelle: Das Investment

Die Teilnehmer am Roundtable (von links):

Thomas Lange
Gründer und Geschäftsführer von Lange Assets & Consulting in Hamburg. Er managt unter anderem den Fonds ASSETS Defensive Opportunities UI (WKN: A1H 72N), dessen Fokus auf verzinslichen Wertpapieren mit kurzer Restlaufzeit liegt

Andreas Bichler
Gründer, Managing Partner und Portfoliomanager bei MARS Asset Management in Bad Homburg.
Er betreut unter anderem den Fonds MARS 10 UI (WKN: A1W Z09), der über sein Multi-Asset-Konzept flexibel unter anderem in Anleihen, Währungen, den Geldmarkt, Rohstoffe und Aktien investiert

Holger Gachot
Vorstand bei der Fondsboutique StarCapital in Oberursel.
Zu den Fonds seines Hauses gehört der StarCapital Bondvalue UI (WKN: 978 187), der international in Anleihen investiert

Andreas Grünewald
Gründer und Vorstand der FIVV AG in München und Vorstandsvorsitzender des Verband unabhängiger Vermögensverwalter (VuV).
Zu den von FIVV aufgelegten vermögensverwaltenden Fonds zählt die FIVV-MIC-Mandat-Reihe

Marc Siebel
Gründer und hauptverantwortlicher Fondsmanager bei Peacock Capital.
Er managt unter anderem den Peacock European Alpha Builder UI Fonds (WKN: A1W 43Y), der mit einem Long-short-Prinzip in europäische Aktientitel investiert

Daniel Kröger
Portfoliomanager bei der Fondsboutique ACATIS in Frankfurt am Main.
Er ist unter anderem zuständig für den ACATIS Aktien Global Funds UI (WKN: 978 174), der bereits 1997 aufgelegt wurde

Moderation: Markus Deseloers, Das Investment

Das Investment: Hat die Populismuswelle, wie sie sich etwa in dem Brexit-
Referendum und dem Ausgang der USPräsidentenwahl manifestiert, konkreten Einfluss auf Ihr Asset-Management?

Daniel Kröger: Durchaus. Denn Donald Trump hat wohl oft die Unwahrheit gesagt, aber in einem Punkt nicht: nämlich, dass Social Media mittlerweile wichtiger als jede Wahlkampagne ist. Ein 15-mal auf seine Richtigkeit geprüfter New-York-Times-Artikel kommt in der gleichen Aufmachung daher wie ausgedachte Fake-News und hat somit die gleiche Resonanz. Das verändert die politische Meinungsbildung und das persönliche digitale Umfeld – man gerät in eine sich selbst verstärkende Meinungsspirale. Das führt zu einer Art Filterblase und zu Radikalisierungserscheinungen, die Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Situation haben können. Für den deutschen Export sind die Trump-Wahl und der Brexit potenziell doppelt gefährlich: nämlich wenn die Amerikaner und Briten mehr im Inland und weniger bei uns kaufen.

Holger Gachot: Lange galt, dass politische Börsen kurze Beine haben. Doch wir befinden uns seit der Lehman-Pleite 2008 in einer Finanzkrise, worauf die Zentralbanken mit einer expansiven Geldpolitik geantwortet haben. Und jetzt laufen wir nach 30, 40 Jahren Zinsabwärtstrend aus dem Zinstal heraus, und das in einem Umfeld, wo Populismus die Wahlen bestimmt. Das kann zumindest kurzfristig zu größeren Marktverwerfungen führen. Dennoch werden die Märkte immer wieder zu ihren fundamentalen Bewertungen zurückkehren, und wir versuchen, die sich hieraus bietenden Chancen auf der Renten- wie auf der Aktienseite zu nutzen.

Ein schwächerer Euro wird die Exportwirtschaft stärken

Andreas Grünewald ,
FIVV

Andreas Grünewald: Aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Punkt eins: Trump als Präsident wird ein anderer sein als während seiner Kandidatur. Punkt zwei: Der Brexit ist sicherlich ein gravierendes politisches Ereignis. Weltwirtschaftlich betrachtet ist er kaum bedeutsam. Wir sehen sogar positive Effekte: Die Geldpolitik wird entspannter sein, und ein schwächerer Euro wird die deutsche und europäische Exportwirtschaft stützen.

Thomas Lange: In der Öffentlichkeit wird schnell ein pessimistisches Bild gezeichnet, doch kein Mensch kann heute wissen, welche konkreten Auswirkungen der Brexit und die Trump-Wahl auf die Weltwirtschaft haben. Es könnte sein, dass der Fokus zukünftig stärker auf der Binnenwirtschaft liegt. Vielleicht sind die Gewinner der vergangenen 20 Jahre, also die globalisierten Unternehmen, nicht die Gewinner der kommenden 20 Jahre. Das könnten die kleineren Unternehmen sein,
die schnell und flexibel sind – genau wie wir unabhängigen Vermögensverwalter.

Marc Siebel: Die Unabhängigkeit von Makrofaktoren ist der Kern unserer Investmentstrategie. Es gibt immer wieder politische oder makroökonomische Themen, die Investoren dazu bewegen, ihre Anlagestrategie umzuwerfen. Die Erfahrung zeigt aber, dass dies für Investoren sehr teuer wird. Ein antizyklischer, wertorientierter Ansatz nimmt solche Situationen eher als Chance wahr. Nehmen wir etwa die große Unsicherheit bei der Ölpreisentwicklung: Diversen Öl- und Gasunternehmen wurden nachhaltige Probleme attestiert. Heute sind wir schlauer, viele dieser Unternehmen notieren derzeit noch deutlich unter ihrem inneren Wert.

Das Investment: Vermögensverwaltend gemanagte Fonds stellen Anlegern in Aussicht, bei Marktabschwüngen zu reagieren und gegenzusteuern. Gerade aber einige Flaggschiffe dieser Sparte haben 2016 nicht gut ausgesehen und ganz schön Federn lassen müssen. Ist die Multi-Asset-Idee damit bis auf Weiteres ramponiert?

Vieles, was wir früher zu wissen glaubten, müssen wir korrigieren

Andreas Bichler ,
MARS Asset Management

Andreas Bichler: Nein, das glaube ich nicht. Natürlich sind zahlreiche Multi-Asset-Fonds auf der Staatsleihen-Welle geritten und haben sich ihre gute Performance über eine lange Duration eingekauft. Wenn wir früher dachten, der Bund-Future könne nicht über 160 Punkte steigen, so wissen wir heute, dass das anders ist. Vieles, was wir zu wissen glaubten, müssen wir heute korrigieren. Umso mehr gilt es, die Portfolios der aktuellen Marktentwicklung anpassen zu können. Und die Themen Populismus und Börse gehören zusammen wie Wahlumfragen und Wahlergebnis: Es kommt nicht darauf an, wer in denWahlumfragen führt, sondern darauf, wie sich die Wähler entscheiden. Auf die Börse bezogen heißt dies: Es kommt darauf an, welche Transaktionen die Anleger durchführen. Deswegen setzen wir auf die gehandelten Preise und nicht auf Meinungsäußerungen.

Kröger: Mich als Stockpicker irritiert es allerdings, wenn Sie das Handeln der Anleger und den Markt ins Zentrum stellen. Meines Erachtens ist es besser zu analysieren, wie ein Unternehmen aufgestellt ist und ob ich dessen Ertragskraft gut prognostizieren kann. Denn langfristig passt sich der Kurs einer Aktie der Entwicklung des inneren Werts an.

Grünewald: Das ist auch unsere Überzeugung. Aber zurück zum Rentenmarkt: Wenn aktuell eine zweijährige Staatsanleihe bei minus 0,6 Prozent liegt, wie soll da mathematisch ein Gewinn entstehen? Ich könnte höchstens darauf zocken, dass es minus 0,8 Prozent wird. Vermögensverwalter und Anleger sollten aber nicht zocken, sondern fundiert investieren. Und wenn ich mir den Dax anschaue, finde ich dort ein durchschnittliches Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13. Viele Dax-Unternehmen sind fundamental gesehen derzeit ein Kauf. Aktien sind und bleiben auch bei vermögensverwaltenden Fonds der wichtigste Ertragsbringer. Und die Multi-Asset-Idee hat weiterhin Zukunft: Wir reden hier ja nicht nur über Aktien und Anleihen, sondern auch etwa über Rohstoffe und Gold.

Gachot: Richtig, Multi Asset ist ein unverzichtbarer Teil des Risikomanagements. Selbstredend haben traditionelle Mischfonds auf der Rentenseite zwei Probleme: eine Umlaufrendite bei null und ein Zinsänderungsrisiko nach oben. Doch muss man auch hier nicht auf der Einbahnstraße fahren. Es gibt Möglichkeiten, sich gegen solche Risiken abzusichern, wie beispielsweise durch den Verkauf von Zinsfuture- Kontrakten oder die Hinzunahme eines Short-ETF in das Portfolio.

Künftig könnte der Fokus mehr auf der Binnenwirtschaft liegen

Thomas Lange ,
Lange Assets & Consulting

Lange: Ich glaube nicht, dass die Schwierigkeiten auf der Multi-Asset-Seite nur mit der Entwicklung auf der Rentenseite zu tun haben. Die extrem niedrigen Zinsen sind und bleiben problematisch für Rentenmanager, doch de facto gab es jüngst doch gar kein „echtes“ Rentenmarkt-Problem. Ich denke, dass Multi-Asset-Konzepte zunehmend mit der Tagesvolatilität Probleme bekommen, auch auf der Währungsseite. Schaut man sich das Britische Pfund an, liegt man aktuell mit 15 Prozent hinten, wenn man auf Pfund-Anleihen gesetzt hat. Anders sieht das bei britischen Aktien aus. Zugegeben ist der Begriff Multi Asset schwammig: Handelt es sich um einen konventionellen Mischfonds oder um einen, der flexibel auch Derivate einsetzen darf? Die Unterschiede müssen den Kunden erklärt werden.

Siebel: Ich denke schon, dass die Multi- Asset-Idee in den nächsten Jahren nicht funktioniert, da diese Fonds im Regelfall mindestens zur Hälfte in Anleihen investiert sind. Bereits die aktuelle Zinskorrektur sorgte für einen Kursrückgang von einigen Prozentpunkten. Hinzu kommen Zinsaufschläge, also Spreads bei Unternehmensanleihen, die wie üblich bei Zinserhöhungszyklen deutlich herauslaufen.

Opportunitäten gibt es auch auf der Rentenseite

Holger Gachot ,
StarCapital

Gachot: Aber Opportunitäten gibt es auch auf der Rentenseite. Mit dem Verfall der Rohstoffpreise sind viele Unternehmen abgestraft worden. Etwa eine Glencore, die mit ihrem Schuldenabbau letzten Endes den Aktienkurs unter Druck brachte. In diesem Umfeld hatten zunächst auch die Anleihekurse gelitten und kräftig verloren. Nachdem die Marktteilnehmer erkannt hatten, dass die Maßnahmen durchaus sehr positiv für die Gläubiger des Unternehmens sind, haben sich die Anleihekurse wieder kräftig erholt. Solche Chancen suchen und nutzen wir bei StarCapital.

Das Investment: Wie viel klassische Portfoliotheorie ist denn überhaupt noch sinnvoll?

Bichler: Der Ansatzpunkt der klassischen Portfoliotheorie geht von stabilen Korrelationen aus. Wir erleben, dass Aktien und Staatsanleihen aktuell negativ korreliert sind, doch insbesondere in Crash-Szenarien gilt Gegenteiliges. Verluste auf der einen Seite können dann nicht mehr durch Gewinne auf der anderen Seite kompensiert werden. Ein moderner Investmentprozess muss daher mit dieser Instabilität arbeiten können. Das heißt für das Fondsmanagement, zum einen eine gewisse Diversifikation vorzuhalten, zum anderen aber auch den Mut zu haben, sich klar zu positionieren. Wir können beispielsweise den Aktienanteil im Portfolio zwischen null und 100 Prozent gestalten, um auf die jeweilige Marktsituation angemessen zu reagieren.

Marktneutrale Strategien könnten die Multi-Asset-Linie ablösen

Daniel Kröger ,
ACATIS

Kröger: Aber was nützt mir eine Korrelation, wenn ich im Rentenbereich eine
Renditeerwartung von null habe? Hier können marktneutrale Strategien eine konstruktivere Lösung anbieten. Diese erleben seit drei Jahren einen großen Zuspruch, und die Performance war vergleichsweise gut. So könnte dieser Ansatz vielleicht die Multi-Asset-Linie ablösen. Das Gleiche gilt auch für die Value-Strategie: Diese hat über die vergangenen neun Jahre praktisch
wenig funktioniert. Doch ich glaube, dass man als Value-Investor seiner Tradition treu bleiben muss und nicht vom Ziel abweichen sollte, was einen entsprechenden Weitblick und ökonomischen Sachverstand voraussetzt. Die Frage ist natürlich auch, wie lange der Kunde das mitmacht.

Das Thema Vertrauen lässt sich nicht vollends digitalisieren

Andreas Grünewald ,
FIVV

Grünewald: Auch bei der Finanzmarktaufsicht scheint die Portfoliotheorie nicht im Fokus zu stehen. Anders ist es nicht zu erklären, dass es allem Anschein nach in die Richtung laufen soll, dass wir künftig das Chancen-Risiko-Profil nicht für das Gesamtportfolio, sondern für jedes einzelne Asset ausweisen sollen. Die Kernaufgabe des unabhängigen Vermögensverwalters ist aber gerade, im Sinne des Anlegers durch eine breite Risikostreuung das Chance-Risiko-Verhältnis der Gesamtanlage zu optimieren. Hier müssen wir seitens des Verbands versuchen noch gegenzusteuern.

Lange: Die EZB kauft in großem Stil Anleihen auf – auch solche von deutschen Rohstoffunternehmen. Täte ich das für meine Kunden mit Risikoklasse 3, würde mir die BaFin die gelbe Karte zeigen. Preis- und Lenkungsfunktion des Zinses sind durch die Aufkaufprogramme der EZB de facto außer Kraft gesetzt. Solange dies so ist, brauche ich mir über die klassische Portfoliotheorie eigentlich gar keine Gedanken mehr zu machen. Doch was ist jetzt die Chance für Investoren? Man sollte das Schafsherdenverhalten des Markts nutzen und sich wegorientieren vom Spekulieren und auf das nachhaltige langfristige Investieren zurückbesinnen.

Das Investment: Um die langfristigen Marktpotenziale richtig einzuschätzen, sollte man wohl auch nicht nur auf die deutschen und eurpäischen Verhältnisse schauen.

Grünewald: Genau, wobei ich nochmals unterstreichen möchte: Die Welt ist besser, als wir denken. Die Unternehmen profitieren von niedrigen Rohstoffpreisen und niedrigen Zinsen. In den kommenden Jahren soll die globale Wirtschaft weiter mit 3 Prozent wachsen. Wenn es mehr wäre, wären Überhitzung, Inflation und Zinssteigerung die Folge. Wäre es weniger, gäbe es die Sorge, ob sich die Unternehmen noch ordentlich fortentwickeln könnten. Und wir haben Hunderte Millionen junger Menschen auf der ganzen Erde, die immer besser gebildet sind und ihren Konsum steigern. Wir dürfen also nicht nur auf die Überalterung bei uns schauen. Wir gönnen uns als kleiner Vermögensverwalter seit elf Jahren eine Repräsentanz in China, und ich komme jedes Mal deutlich optimistischer zurück, als ich losgeflogen bin. Denn das Bild vor Ort – und das gilt nicht nur für China – ist wesentlich positiver, als es uns hier medial vermittelt wird.

Gachot: Die Emerging-Markets rangieren heute in der Bewertung auf dem Niveau von vor fünf Jahren. Diese Märkte haben in der Regel eine starke Abhängigkeit von den Rohstoffmärkten: Die einen sind hier Importeure, die anderen Exporteure. Und wenn wir Öl und Gas mal außen vor lassen, gibt es hier zum Beispiel bei Eisenerz und Kupfer schon einen richtigen Swing nach oben. Vielleicht sind das die ersten Vorboten für eine Trendwende in diesen Märkten.

Das Investment: Es ist schon angeklungen: Vermehrt werden im Fondsmanagement Hedgefonds-Strategien wie Long-short genutzt, um Marktpotenziale zu heben. Geht es nicht mehr ohne diese Hilfsmittel?

Bichler: Viele investierbare Hedgefonds-Produkte haben in den zurückliegenden Jahren enttäuscht. Der Grund ist: Hedgefonds waren ja mit der Zielsetzung angetreten, in jedem Marktumfeld positive Renditen zu erzielen. Entsprechend ambitioniert ist ihre Kostenstruktur. Die Fondsgebühren á la 2/20, die hier mal aufgerufen wurden, sind ja schon legendär. Die Anlageergebnisse hingegen haben die Gebührenstruktur jedoch nicht gerechtfertigt. In den Krisenjahren 2008 oder 2011 haben auch viele Hedgefonds schlecht performt. Das hat sie entmystifiziert.

Wir setzen auf Stockpickung –und eine niedrige Aktienquote

Marc Siebel ,
Peacock Capital

Siebel: Das ist aus meiner Sicht so nicht ganz richtig, wir sollten auch bei dieser Anlageform differenzieren. Der Grund für die enttäuschende Wertentwicklung einiger Hedgefonds liegt daran, dass man Wetten
eingegangen ist. So führte etwa eine Overlay-Entscheidung eines Investmenthauses, den Pharmasektor stark überzugewichten, zu einem massiven Verlust im Fonds von über 30 Prozent. Das war Markttiming, wurde bestraft und hat letztlich mit einem echten Long-Short-Konzept nichts zu tun. Für alternative Strategien braucht man eine spezielle Expertise. Wir setzen beispielsweise auf reines Stockpicking, diversifiziert mit einer dauerhaft sehr niedrigen Aktienquote. Die Über- oder Unterbewertung der Aktien ist entscheidend, nicht die Frage, welcher Sektor gerade en vogue ist oder wann der Markt läuft oder nicht. Und das alles funktioniert in einem maximal regulierten Ucits-Publikumsfonds wunderbar.

Lange: Wenn ich den Prospekt zu einer alternativen Anlagestrategie gelesen habe und nach einer Stunde immer noch nicht verstehen kann, wo und wie investiert wird, sollte ich Kundengelder dort nicht einsetzen. Und wie ist es denn zuletzt überwiegend im Markt gelaufen? Nahezu alle großen Fonds waren long auf der sicheren Seite und short auf der Risikoseite. Dann hat die Saisonalität im Sommer diese Effekte noch verstärkt, daraufhin hat es „gekracht“. Das darf so nicht sein. Meine Aufgabe als Vermögensverwalter ist es, zu beurteilen, wie hoch und wie wahrscheinlich das Risiko von Investitionskonzepten im Einzelnen und im Gesamtkontext ist. Dabei ist es äußerst wichtig, die Konzepte zu verstehen.

Den Mut haben, sich im Portfoliomanagement klar zu positionieren

Andreas Bichler ,
MARS Asset Management

Bichler: Letzten Endes geht es doch darum, welche Freiheitsgrade ein Assetmanager hat. Also, ob er Marktwetten eingehen darf. Ist das nicht der Fall, darf er auch keine impliziten Marktwetten auf Einzeltitelebene eingehen. Es gibt Assetmanager, die im Sinne der Anleger sparsam mit dem Thema umgehen – und solche, die ihr Portfolio von der linken auf die rechte Seite werfen. Dann kommt es genau zu den beschriebenen Effekten.

Siebel: Diese haben wir übrigens bei vermögensverwaltenden Fonds auch gesehen. Hier hatten einige Gesellschaften etwa über größere Gold- oder Rohstoffpositionen Klumpenrisiken in ihren Fonds, die so nur vermeintlich sicherer als eine Hedgefonds-Strategie erschienen. In der Folge haben diese Fonds teilweise noch verheerendere Ergebnisse eingefahren als solche mit alternativen Strategien. Und, wie schon gesagt: Angesichts der eingeläuteten Zinswende dürften vermögensverwaltende Fonds zudem mit Renten ins Minus rutschen.

Das Investment: Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass Sie im Fondsprospekt Volatilitäts-Risikokenngrößen zur Anleger-Orientierung nennen müssen?

Kröger: Das halte ich nicht für das richtige Werkzeug. Volatilität wird hier als Gefahr betrachtet, stellt aber im Portfoliomanagement natürlich auch eine Chance dar. Rein mathematisch betrachtet, gehen wir von einer Normalverteilung aus. Der Markt ist aber nicht normalverteilt. Wir rechnen immer mit der ersten Standardabweichung, das heißt, ich betrachte nur rund 69 Prozent des Markts – was hilft dann dem Anleger eine Risikokenngröße von 1 bis 7? Zumal mir eine Fünfjahreszeitraum- Betrachtung bei der Risikoangabe wenig nützt, wenn dabei etwa ein 2008er-Ereignis nicht mit einfließt.

Die Aufsicht legt Parameter an, die der Berufspraxis zuwiderlaufen

Holger Gachot ,
StarCapital

Gachot: Es gibt noch weitere Punkte, wo die Aufsicht Parameter anlegt, die unserer Berufspraxis zuwiderlaufen. Wenn wir etwa einen Future oder ein Derivat auf den Euro Stoxx kaufen, wollen wir damit das Marktrisiko im Fonds temporär senken. Der Regulator aber sagt, dass durch die Hinzunahme solcher Derivate das Risiko im Fonds steige. Also kommt er genau von der anderen Ecke, weil er der Ansicht ist, dass er das Risiko in die Einzelkomponenten zerlegen muss. Das geht genau in die falsche Richtung.

Will ich mein Geld irgendeinem Programm anvertrauen?

Thomas Lange ,
Lange Assets & Consulting

Lange: Im Prospekt unseres geldmarktnahen Fonds steht drin: durchschnittliches Rating ist Investmentgrade. Wenn ich dann aber einen Teil des Geldes auf der sicheren Cash-Seite anlege, erhöhe ich nominell die Sicherheit meines Produkts, falle aber in der realen Risikobetrachtung nach hinten runter. Denn Banken werden heute noch immer nicht geratet. Erst auf den zweiten Blick wird die höhere Sicherheit offensichtlich.

Grünewald: Eigentlich ist der Widerspruch auch in der Aufsicht selbst zu finden – einerseits müssen wir überall drunterschreiben, dass die Vergangenheit kein Maß für die Zukunft ist. Andererseits ist die Vergangenheit das Volatilitäts- und damit auch das Risikomaß. Die Regulierung will die Beratung für Anleger verbessern. Aber am Ende findet aufgrund der vielen Hürden genau diese Beratung nicht mehr statt.

Bichler: Selbst Investmentboutiquen mit wenigen Mitarbeitern müssen ihren Lagebericht nach dem Konzernrecht schreiben. Damit stellt die Regulierung Hürden auf, die genau dazu führen, dass Kleinanleger letzten Endes nicht mehr beraten werden können. Und noch ein Nachtrag zur Volatilität: Lange Zeit waren in Deutschland die offenen Immobilienfonds populär. Diese hatten eine Schwankungsintensität wie Geldmarktfonds – bis sie dann abgewickelt wurden. Diese Risiken kommen in der Volatilität nicht zum Ausdruck.

Siebel: Hilfreich ist es da eher, dem Kunden eine Kennzahl wie den Maximum-Drawdown zu zeigen, also den historisch gemessenen maximalen Verlust. So sieht er plakativ, was er bei einem Konzept wirklich verlieren kann. Wichtig ist allerdings: Der Maximum-Drawdown sollte nicht auf einem sogenannten Backtest basieren, sondern auf realen Marktbedingungen.

Das Investment: Nehmen wir zum Schluss noch den Digitalisierungstrend mit auf. Welchen Stellenwert hat dieser für Ihr Tagesgeschäft und für Ihre Branche?

Kröger: Ich bin ein großer Fan von der Digitalisierung. Wir sehen in vielen Bereichen bereits ihren Einfluss, und es wir sicherlich so weitergehen. Wir bei Acatis forschen seit mittlerweile zwei Jahren im Bereich der künstlichen Intelligenz und sehen hier große Chancen. Ich denke, dass ein KI-Modell nie den Portfoliomanager ersetzen wird, aber ich glaube, es wird künftig kein Mittelmaß mehr geben. Es gibt dann gute Fundamental-Fondsmanager und gute KI-Modelle, aber nichts dazwischen. Und am Ende des Tages profitiert auch der Kunde davon.

Gachot: Heute werden bei Fonds-Rankings oftmals Äpfel mit Birnen verglichen. In der Regel entsteht dadurch ein wenig sinnvoller Einheitsbrei – sei es, dass qualitative und quantitative Analysen vermischt werden oder dass verglichene Produkte einen völlig unterschiedlichen strategischen Ansatz haben. Sofern diese Vorgehensweisen in die digitale Welt eingebracht werden, um darauf ein Robo-Advisory aufzubauen, bin ich skeptisch, was deren Qualität anbelangt.

Grünewald: Ich bin für unsere Vermögensverwalter-Branche sehr zuversichtlich, dass das Thema Vertrauen sich letztendlich nicht abschließend digitalisieren lässt. Gerade bei Strukturbrüchen fällt es mir nach wie vor schwer zu glauben, dass digitale Systeme hier den Menschen ersetzen und die richtigen Antworten liefern könnten. Nehmen wir die Frage, ob China nun Amerika entzaubert oder nicht? Als Vermögensverwalter habe ich dazu eine klare Meinung. Und diese gilt es, wenn ein Kunde zu mir kommt, klar zu kommunizieren – weil diese Meinung ja letztendlich auch für die Positionierung der Portfolios mitentscheidend ist. Der Kunde will am Fachwissen und an den Erfahrungen des Vermögensverwalters partizipieren. Das kann eine Maschine nicht leisten.

Lange: Wir haben eben festgehalten, dass Korrelationsannahmen zumindest zeitweilig nicht mehr funktionieren. Algorithmen basieren aber genau darauf – insofern ist das eine klare Antwort. Über die Digitalisierung man kann heute den Kunden sicherlich ganz anders erreichen, und man kann heute ganz anders die Ergebnisse oder Risiken darstellen und erklären. Doch ich weiß nicht, ob ich mein hart erarbeitetes Geld irgendeinem Programm anvertrauen möchte, wo ich nicht mal den Programmierer kenne. Bei einem Vermögensverwalter, der seit Jahren einen guten Ruf genießt und der seine Kunden erfolgreich durch strukturelle Brüche gesteuert hat, fühle
ich mich da erheblich wohler.

Den Maximum-Drawdown auf realer Grundlage darstellen

Marc Siebel ,
Peacock Capital

Siebel: Die Digitalisierung fördert die Transparenz in der Branche. Der Kunde kann schnell erkennen, ob der Fondsmanager einen Vergleichsindex
wählt, der seine Leistung beschönigt. Diverse Finanzdienste im Internet sorgen mit Vergleichsmöglichkeiten etwa auf Chartbasis für Transparenz. Und ähnlich wie Acatis nutzen wir ein quantitatives Kennzahlensystem zur Vorselektion und Filterung unserer Investmentideen. Die Verknüpfung von Datenanbietern und Unternehmenskennzahlen mit den eigenen IT-Systemen sorgt für eine erhebliche Arbeitserleichterung und auch für mehr Qualität im Rahmen des Investmentprozesses.

Bichler: Die Digitalisierung erleichtert viele Aufgaben des täglichen Lebens. Nicht zuletzt können Informationen viel schneller von A nach B reisen. Doch meiner Ansicht nach ist hier die wichtigste Frage, welche Informationen von dieser Vielzahl denn überhaupt relevant sind. Dazu bedarf es Filter und Regeln, die definiert werden, und letzten Endes sollte ein Mensch entscheiden und die Entwicklung steuern.

Wir forschen seit zwei Jahren im Bereich der künstlichen Intelligenz

Daniel Kröger ,
ACATIS

Kröger: Ich wäre mir aber nicht zu sicher, dass durch die Digitalisierung in unserer Branche in der Zukunft nicht noch größere Umwälzungen anstehen. In den USA haben 60 Prozent der Millenials keine Kreditkarte, da sie den Banken und dem Finanzsystem nicht vertrauen. Und diese Kunden, die dann in 10, 20 Jahren nachrücken, suchen dann möglicherweise ganz andere Zugänge, um ihr Geld zu verwalten. Die investieren ihr Geld dann vielleicht über eine App. 


Erscheinungsdatum: 14.02.2017