Mobilität und Infrastruktur haben gerade wegen einer wachsenden Mittelschicht noch hohes Nachholpotenzial in Indien Foto: pandamatto Quelle: istockphoto.com

Ein Subkontinent voller Chancen

Autor: Siddharth Mehta-Thomas, ACATIS Investment, und Timo Lüllau

Auch wenn sich die Wachstumsraten in den Schwellenländern zuletzt verlangsamt haben, bieten einige Länder der Emerging Markets wie etwa Indien nach wie vor ein ansprechendes Wachstumspotenzial. Gerade die starken Fundamentaldaten sprechen für den Subkontinent, erklärt Siddharth Mehta-Thomas, Fondsberater des ACATIS India Value Equities (DE000A141SG1) im Gespräch mit Universal-Investment. Metha-Thomas spürt vor Ort im indischen Bangalore die aussichtsreichen Titel mit einem Value-getriebenen Ansatz fürs Portfolio auf.

Siddharth Mehta-Thomas, Fondsberater des ACATIS India Value Equities Quelle: ACATIS Investment

Universal-Investment: Das Wachstum in den Schwellenländern schreitet deutlich langsamer voran als noch vor einigen Jahren. Gerade auch China hat zuletzt die Wachstumsprognosen deutlich niedriger angesetzt als noch 2015 und 2016. Mit welchen Entwicklungen rechnen Sie für die Emerging Markets im laufenden Jahr?

Mehta-Thomas: Wir denken, dass die Bewertungen im Allgemeinen recht hoch sind. Auch rechnen wir damit, dass sich das Wachstum verlangsamen wird. China ist ein Markt, zu dem wir aufgrund der schlechten Corporate Governance und zwielichtiger Gesellschaften, die nicht ehrlich mit Aktionären umgehen – Chinas größter Molkereibetrieb Huishan Dairy Holdings ist das jüngste Beispiel -  äußerst negativ eingestellt sind. Die Dinge scheinen sich zu verschlechtern und selbst die Regierung ist undurchschaubar. Es handelt sich nicht wirklich um einen freien Markt, der nach den Grundsätzen von Angebot und Nachfrage funktioniert. Daher haben wir eine Situation des Überangebots und des globalen Dumpings in vielen Branchen wie etwa der Stahlindustrie. Indien sind wir demgegenüber viel positiver gestimmt. Trotz sehr hoher Bewertungen sind wir der Ansicht, dass die starken Fundamentaldaten langfristig eine recht gute Wachstumsbasis darstellen.

ChampionsNews: Sie haben mit dem ACATIS India Value Equities den Fokus auf den Subkontinent gerichtet. Warum ist es gerade sinnvoll, den Fokus bei Investmentanlagen auf Indien zu legen?

Mehta-Thomas:  Die soliden Fundamentaldaten sprechen einfach für Indien. Der Subkontinent weist eine junge Bevölkerung, ein äußerst niedriges Verhältnis des Kreditvolumens zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) und ein allgemein günstiges Umfeld für Unternehmen auf. Alles Aspekte, die für Indien sprechen. Außerdem sind Betrügereien wie bei den chinesischen Wertpapieren nicht sichtbar. Auch die Rechtsstaatlichkeit findet in der Regel in hohem Maße Anwendung. Sicherlich hat Indien wie andere Schwellenländer auch seine Probleme und Herausforderungen zu meistern, aber das Land hat bisher immer wieder bewiesen, dass es in der Lage ist, Probleme in den Griff zu bekommen und stärker daraus hervorzugehen. Von den Emerging Markets dürfte Indien am schnellsten um mehr als sieben Prozent wachsen. Die Volkswirtschaft ist zudem gut diversifiziert. Der Schwerpunkt auf haushaltspolitische Besonnenheit sichert die Stabilität der Staatsfinanzen. Dadurch, dass ich in Indien aufgewachsen bin und derzeit dort lebe, habe ich zudem eine einmalige Vor-Ort-Perspektive, die es ermöglicht, sich hier leicht zurechtzufinden und ein tiefergehendes Research der Anlageideen zu betreiben.

Die soliden Fundamentaldaten sprechen für Indien

Siddharth Mehta-Thomas ,
Fondsberater des ACATIS India Value Equities

Universal-Investment: Eines der Hauptargumente für Investments auf dem indischen Subkontinent ist die stetig wachsende Mittelschicht mit einem hohen Konsumnachholbedarf. Wie wird sich der Konsumbedarf in den nächsten zwei Jahren entwickeln? Und wird sich das Wachstum der Mittelschicht auf Sicht von zwei Jahren weiterhin fortsetzen?

Mehta-Thomas: Die Verbraucher- und Kreditnachfrage dürften zwei der größten Anlagethemen im Land darstellen. Wir beobachten, dass der Großteil des Wachstums bisher aus den Ballungsräumen Indiens über alle Schichten hinweg hervorgeht. Langfristig wird der Wachstumspfad jedoch das ländliche Indien sein. Gerade Unternehmen, die sich auf die Verbraucher auf dem Land konzentrieren, muss man stärker im Auge behalten.
Aus Bewertungsperspektive bevorzugen wir die Finanzdienstleistungsbranche, da die meisten Unternehmen in der Gebrauchsgüterindustrie teuer sind und mit mehr als dem 35-Fachen ihres Gewinns bewertet werden. Der Kreditmarkt ist noch wenig erschlossen, vor allem im ländlichen Indien. Die aktuelle Regierung hat einen Vorstoß gemacht, über 200 Millionen Bankkonten zu eröffnen, was für die Finanzdienstleistungsbranche ein großes Thema mit noch unerschlossenen Chancen sein wird. Die öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute benötigen wegen ihrer schlechten Bilanzen ebenfalls dringend Kredite, wodurch private Banken und Finanzgesellschaften ihren Marktanteil erhöhen konnten. Die Finanzdienstleistungsbranche sollte auch weiterhin von einem hohen Nachholbedarf der indischen Bevölkerung sowohl in ländlichen als auch städtischen Gebieten profitieren.

Universal-Investment: Bei der Struktur des Portfolios setzen Sie auf Value-Titel. Wie filtern Sie die passenden  Aktien für Ihre Anlagestrategie heraus? Wie groß ist das Universum an passenden indischen Titeln für Ihr Portfolio?

Mehta-Thomas: Unser Anlageuniversum besteht aus rund 500 Wertpapieren. Aufgrund von Faktoren wie Größe, Volumen und anderer Kennzahlen entscheiden wir schließlich, welche Titel für unser Portfolio infrage kommen. Wir konzentrieren uns dabei auf Unternehmen, deren Geschäftsmodell wir verstehen und vollständig durchdringen können. Wir setzen zudem einen besonderen Schwerpunkt auf die Managementqualität und die Kapitalallokation bei der Titelauswahl.  Auch konzentriert sich unser Research überwiegend auf indische Unternehmen, die schon seit mehr als zehn Jahren börsennotiert sind. Börsengängen gehen wir grundsätzlich aus dem Weg. Bewertungen sind nicht unser einziger Fokus, doch sind sie ein wichtiger Teil unserer Kaufkriterien.

Universal-Investment: Auf welche Titel setzen Sie aktuell in Ihrem Portfolio? Welche Branchen/Sektoren berücksichtigen Sie besonders im Portfolio?

Mehta-Thomas: Wir bevorzugen in der Regel Industrieunternehmen und Finanzdienstleister. Ein Unternehmen, das wir im Portfolio halten und das besonders interessant ist, ist CARE Rating. Es ist die drittgrößte Ratingagentur Indiens und die einzige, die sich in einheimischen Besitz und unter einheimischer Leitung befindet. Zusammen mit Crisil, einer Tochter von Standard & Poors, und  dem Moody’s-Ableger ICRA  kontrollieren die drei Unternehmen über 95 Prozent des Ratinggeschäfts in Indien. CARE konzentriert sich hauptsächlich auf Fixed Income. Da die Nachfrage nach Krediten im Land steigen dürfte, befindet sich das Unternehmen in einer einmaligen Position, um von diesem Wachstum zu profitieren. Das Geschäft selbst benötigt nur wenig Kapital und weist Renditen von knapp 100 Prozent und eine Netto-Cash-Bilanz auf und generiert eine Menge freier Cashflows. Es wird mit einem deutlichen Abschlag gegenüber Crisil und ICRA gehandelt.

Wir favorisieren zudem TVS Srichakra, einen führenden Zweiradreifen-Hersteller im Land. Die Nachfrage nach Motorrädern, besonders in den ländlichen Gebieten, dürfte im Laufe der nächsten fünf bis zehn Jahre um mindestens  10 bis 15 Prozent im Jahr steigen, da die Mittelschicht wächst.

TVS Srichakra verfügt über ein ausgezeichnetes Vertriebsnetz und eine Markenbekanntheit in ganz Indien, die das Unternehmen im Laufe der letzten drei Jahrzehnte aufgebaut hat. Das Management hat zudem hervorragende Fähigkeiten bei der Kapitalallokation unter Beweis gestellt. Das Unternehmen wird derzeit zum Zwölffachen seines Gewinns gehandelt. Wir glauben, dass dies ein angemessener Preis für ein Unternehmen ist, das seine Gewinne in den nächsten Jahren um 10 bis 15 Prozent im Jahr steigern dürfte. 

Autor: Siddharth Mehta-Thomas, ACATIS Investment, und Timo Lüllau
Erscheinungsdatum: 01.06.2017