Unabhängige Vermögensverwalter im Round Table Foto: Andreas Mann Quelle: Das Investment

"Roboter sind keine Konkurrenten"

Autor: Markus Deselaers, Das Investment

Renditestrategien, Risikomanagement und Künstliche Intelligenz: Sechs unabhängige Vermögensverwalter – Frank Rothauge, AHP Capital Management; Uwe Johannhörster, CONCEPT Vermögensmanagement; Andreas Hauser, Habbel, Pohlig & Partner; Reiner Bertram, RBV Vermögensverwaltung; Marc Zimmer, BKV Vermögensverwalter und Felix Eisel, Conduction Capital Advisers (oben im Bild von links nach rechts) diskutierten mit DAS INVESTMENT über die Perspektiven ihrer Branche.

Andreas Hauser, Portfoliomanager Habbel Pohlig & Partner Foto: Andreas Mann Quelle: Das Investment

Aktien aus Europa bieten weiterhin Potenzial

Andreas Heuser

Das Investment: Sind Sie nach wie vor positiv gestimmt, was den Aktienmarkt angeht?

Uwe Johannhörster: Ja, wenngleich wir vor Kurzem eine erste kleinere Marktkorrektur gesehen haben. Es könnten durchaus auch noch kleinere Rücksetzer folgen. Aber danach erwarten wir für das Frühjahr eher wieder leicht steigende Kurse. Rückblickend müssen wir feststellen, dass wir im Jahr 2017 eine zu geringe Aktienquote hatten. Diese lag im Durchschnitt bei 50 Prozent – mit dem Wissen von heute war das klar zu wenig.

Andreas Hauser: Insbesondere für europäische Aktien sehen wir auch weiterhin Potenzial. Denn das Marktumfeld niedriger Zinsen und die eher expansive Geldpolitik werden uns erhalten bleiben. Bei dem südeuropäischen Aktienfonds, den ich betreue, waren wir über das Jahr hinweg fast immer zu mehr als 90 Prozent in Aktien investiert.

Reiner Bertram: Wir sehen das differenziert. Nimmt man das Shiller-KGV, zeigen vor allem Aktien aus den USA derzeit eine hohe Bewertung. Aktien aus Europa oder den Schwellenländern sind aber noch moderat bewertet. Auch innerhalb der Branchen gibt es Sektoren wie die Technologie oder die Logistik, die mittlerweile hoch bewertet sind, ausgesuchte Unternehmen aus der Pharma- oder Drogeriebranche notieren dagegen an Mehrjahrestiefs. Wir sind schon das ganze Jahr recht hoch investiert und finden noch immer Kaufgelegenheiten. Und wir denken auch, dass Aktien noch längerfristig vom Niedrigzins begünstigt werden. Nehmen wir nur Italien: Das Land käme wirtschaftlich in extreme Schieflage, wenn es wie früher 6 Prozent Zinsen für Staatsanleihen zahlen müsste. Diese Schieflage will die EZB auf jeden Fall vermeiden.

Frank Rothauge: Grundsätzlich glaube auch ich nicht, dass Aktien pauschal bereits zu teuer sind. Wenn man aber wie wir sehr ins Detail geht und viele Unternehmen in Kerneuropa analysiert, muss man registrieren, dass es immer schwieriger wird, gute Fundamentalstorys mit viel Potenzial zu finden. Bei der Zinsentwicklung bin ich übrigens etwas anderer Auffassung als meine Vorredner: Bisher konnten uns die Zentralbanken bei konjunktureller Schwäche helfen, indem sie Zinsen gesenkt oder Anleihen gekauft haben. Hier ist aber wohl das Ende der Fahnenstange erreicht. Darum glaube ich, dass wir uns in den kommenden Jahren zumindest auf einen leichten Zinsanstieg vorbereiten sollten.

Marc Zimmer: Ganz so optimistisch beurteilen wir die aktuelle Marktlage ebenfalls nicht. Die Investition in Substanzwerte wie Aktien bleibt natürlich auch bei uns langfristig die aussichtsreichste Assetklasse. Wir haben aber bereits im Oktober 2017 die Aktienquoten reduziert und in Liquidität umgeschichtet. Denn wir sind ein klassisch antizyklischer Investor: Wenn die Stimmung am Markt äußerst positiv ist und keiner mehr das Wort Risiko in den Mund nimmt, werden wir eher vorsichtig und beginnen, Gewinne zu realisieren. Die Rahmenbedingungen am Kapitalmarkt können sich sehr schnell ändern, und da gilt es, proaktiv und flexibel zu agieren.

Felix Eisel, Partner Conduction Capital Advisers Foto: Andreas Mann Quelle: Das Investment

Wir schauen vor allem auf Einzeltitel

Felix Eisel ,
Geschäftsführer Universal-Investment

Felix Eisel: Wir schauen vor allem auf den Einzeltitel und analysieren die individuelle Wertschöpfung von Unternehmen. Doch gibt es sicherlich einiges, was man auf der Makroebene beobachten kann. Zu nennen ist einmal die sehr geringe Volatilität, aber auch die vereinzelt starken Kurszuwächse im Small und Mid-Cap-Bereich. Etwa bei einem Titel wie Techno Trans: Das Unternehmen ist sicherlich gut aufgestellt, aber dass die Kurse so durch die Decke gingen, kann schon ein bisschen nervös machen. Wir sind immer konstruktiv paranoid gestimmt: momentan vielleicht noch ein bisschen mehr.

Das Investment: Kommen für Sie auch High-Yield-Anleihen infrage?

Johannhörster: Nein, nicht mehr. High Yield ist schönfärberisch, früher sagte man auch Junk Bonds oder Ramschanleihen dazu. Wir finden, dass die eingegangenen Risiken nicht mehr adäquat entlohnt werden. So wollen wir das Geld für die Kunden weiter auf der Aktienseite verdienen.

Hauser: Auch wir sind nicht in High Yields investiert. Zusätzlich zum aktuellen Bewertungsniveau auf der Aktienseite wollen wir nicht auch noch auf der Rentenseite Risiken eingehen. Anleihen gehören für uns als Stabilitätsanker in ein ausgewogenes Portfolio – aber im Rentenbereich erwarten wir keine nennenswerten Renditen mehr.

Uwe Johannhörster, Geschäftsführender Gesellschafter CONCEPT Vermögensmanagement Foto: Andreas Mann Quelle: Das Investment

Das Risiko bei High Yields wird nicht adäquat entlohnt

Uwe Johannhörster

Zimmer: Das Rentensegment nutzen wir eher, um aus dem Portfolio ein wenig Volatilität herauszunehmen. Vor Kurzem haben wir hierzu sogar in zwei Bundesanleihen investiert. In einigen Spezialmandaten setzen wir auch High Yields ein, doch dort ist es von enormer Bedeutung, den richtigen Emittenten zum richtigen Zeitpunkt zu selektieren.

Rothauge: Wir analysieren mehr als 4.000 Bonds über unsere Datenbank. Da zeigt sich: Bei den meisten Anleihen liegen die Fair Value Spreads deutlich höher, als der Markt im Moment bezahlt. So sind viele Risiken im Anleihemarkt nicht richtig eingepreist. Bei der kleinsten Erschütterung droht ein Marktrisiko. Wir finden zwar für unseren Fonds immer noch Anleihen, die besser gepreist sind – aber das Geschäft wird auch hier nicht einfacher.

Bertram: Als aktienfokussiertes Haus greifen wir auch auf Anleihen zurück, hier aus Diversifizierungsgründen in der Regel auf Zielfonds. Das gilt auch und gerade für den High-Yield-Bereich.

Rothauge: Unsere Erfahrung ist übrigens, dass ein quantitatives Management aufgrund der Risikoeinschätzung bei Bonds gut funktionieren kann. Bei Aktien geht es vor allem um eine Chanceneinschätzung, das leistet kein quantitatives Tool.

Das Investment: Herr Eisel, wie steuern Sie die Risiken?

Eisel: Zum einen durch die sehr akribische Unternehmensauswahl. Wir errechnen zum Beispiel für jede unserer Positionen das Downside-Potenzial. Hinzu kommt die Aktienquote, die wir flexibel steuern. Gegenwärtig fahren wir angesichts der Marktbewertung keine maximale Aktienquote.

Hauser: Auch unser Haus verfolgt eine Art Zwei-Säulen-Strategie. Auch wir selektieren qualitativ hochwertige Titel, die in Risikosituationen eine höhere Stabilität haben als andere. Unsere zweite Säule ist die Liquiditätssteuerung: Wir gehen durchaus auch mal stark in Cash und schauen uns zeitweilig das Geschehen vom Spielfeldrand aus an.

Frank Rothauge, Geschäftsführender Gesellschafter AHP Capital Management Foto: Andreas Mann Quelle: Das Investment

Wir sollten uns auf einen leichten Zinsanstieg vorbereiten

Frank Rothauge

Das Investment: Gehört zur Streuung auch Gold dazu?

Johannhörster: Für uns ja. Seit den Erfahrungen mit der 2008 einsetzenden Finanzkrise halten wir obligatorisch einen gewissen Grundstock an physischen Edelmetallen. Dessen Größenordnung liegt etwa bei 10 Prozent: Sollte es tatsächlich mal richtig ins Portfolio reinhageln, wäre diese Position mit den Märkten wenig korreliert.

Rothauge: Das sehe ich ein wenig anders. Ich kann nachvollziehen, wenn sich ein Kunde aus Sicherheitserwägungen Gold ins Bankschließfach legen möchte. Unsere Aufgabe ist das aber meines Erachtens nicht. Wenn es wirklich mal schlimm kommt, wird der Kunde das Gold physisch brauchen.

Bertram: Man sollte auch mit dem Kunden diskutieren, was er konkret unter Risiko versteht – und ihm dabei verständlich machen, dass die Volatilität an den Aktienmärkten für ihn eher eine Chance als ein Risiko darstellen kann. Akzeptiert er das, kann man sein Portfolio auch entsprechend aufstellen.

Zimmer: Volatilität ist eigentlich der falsche Maßstab für Risiko, auch wenn der Gesetzgeber dies so vorsieht. Man sollte eher den Value at Risk in Betracht ziehen, der die Wahrscheinlichkeit angibt, welche Verlusthöhe in einem bestimmten Zeitraums nicht überschritten wird. Für das Risikomanagement ist es wichtig, die richtigen Titel im Portfolio zu haben – entscheidend ist es jedoch, die falschen Titel nicht zu haben. Wir agieren nicht emotional, sondern mit Ruhe und rationaler Weitsicht.

Das Investment: Wie sieht es mit dem Einsatz von Derivaten aus?

Zimmer: Uns ist wichtig, dass die Kunden verstehen, wie wir ihr Geld investieren. Der Derivatebereich ist hierfür zu komplex und intransparent. So nutzen wir für unsere individuell betreuten Portfolien nur Aktien, Renten, Liquidität und Rohstoffe. Entscheidend ist nicht die Anzahl der Instrumente, sondern wie diese proaktiv eingesetzt werden. Für unseren BKP Classic Fonds setzen wir in besonderen Situationen auch Derivate zur Absicherung ein. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt, Trends nie voll auszunutzen und in Spitzen auch immer Gewinne zu realisieren. Das hat sich bewährt. Von Gewinnmitnahmen ist noch niemand arm geworden.

Das Investment: Was ist mit Long-short-Strategien?

Eisel: Optional können wir individuelle Short-Positionen aufbauen. Das ist für uns das wesentlichbessere Instrument, als einen Index short zu kaufen. Denn so können wir Alpha-Chancen nutzen. Für eine Short-Position brauchen wir aber zweifelsfreie Katalysatoren. So hätte sicherlich die Pro7-Aktie im Nachhinein als Short richtig Spaß gemacht. Aber einen harten Katalysator wie beispielsweise das Aussetzen der Dividende gab es schlicht nicht.

Johannhörster: Wir sind Tech-affin und investieren mit Langfrist-Perspektive. Wenn man frühzeitig Microsoft, Apple oder Amazon gekauft und durchgehalten hätte, welche exorbitante Rendite hätte man erzielen können? Nur handeln so ja die meisten Anleger nicht. Auch wir haben uns in der Vergangenheit ertappt, zu früh verkauft zu haben. Aber wir sind ja zum Glück zu zweit im Management. Im November 2016 hat mein Kollege Nvidia-Aktien gekauft – auf Höchstkurs. Ich hätte den Mut nicht gehabt. Zum Glück hat er sich durchgesetzt, 2017 hat sich der Nvidia-Kurs noch mal verdreifacht.

Rothauge: Das sehe ich ähnlich. Einige meiner größten Fehler waren zu frühe Verkäufe guter Aktien. Das Problem in den Finanzmärkten ist, dass Aktien vielfach zu stark als Wertpapier betrachtet werden. Faktisch ist die Aktie aber ein Anteil an einem Unternehmen. Und wenn das Unternehmen kontinuierlich Mehrwert schafft, schlägt sich dieses auch irgendwann im Aktienkurs nieder.

Das Investment: Das ist ja das Value-Credo. Nur haben in den zurückliegenden Jahren viele aktiv gemanagte Fonds die Indizes nicht geschlagen, darum sind ETFs ja stark auf dem Vormarsch.

Eisel: Der Hype um die ETFs ist mir ein bisschen zu positiv. Insbesondere sind ETFs nicht wirklich krisenerprobt. Sie sollten in jedem Fall ein Element im Portfolio sein, doch sollte man dort nicht blind reinhüpfen. Ein weiterer Punkt ist: Es entfällt mittlerweile auf ETFs ein sehr großer Marktanteil, darum wird es wieder eine Zeit geben, in der aktives Management Chancen aus diesem „meinungslosen“ Kapital ausnutzen kann und Rückflüsse aus dem ETF-Bereich bekommen könnte. Das hat zuletzt auch Blackrock in einer Studie so eingeschätzt.

Johannhörster: ETFs stellen eine gute Ergänzung zu aktivem Fondsmanagement dar. Man sollte hier aber differenzieren: Wenn für mich nur Rendite zählt, kann ich mir einen Nasdaq-100-ETF kaufen, den wird auf Sicht von zehn, 15 Jahren kaum ein aktiv gemanagter Fonds dieser Sparte geschlagen haben. Das ist aber doch auch gar nicht unsere Kernaufgabe: Wir wollen lieber, wenn der Markt ins Negative dreht, deutlich weniger verlieren.

Reiner Bertram, Geschäftsführer RBV Vermögensverwaltung Foto: Alexander Mann Quelle: Das Investment

US-Aktien haben derzeit eine hohe Bewertung

Reiner Bertram

Bertram: Wir sehen ETFs nicht als Wettbewerber an, sondern als eine Möglichkeit, in bestimmte Märkte zu investieren. Dazu können wir Zielfonds, ETFs oder Einzeltitel allokieren. Zu bedenken ist, dass ETFs passive Investments sind und dass der typische Anleger hier nicht wirklich „passiv“ ist. Peter Lynch hat mit dem Fidelity Magellan von 1977 bis 1990 durchschnittlich jährlich 29 Prozent Rendite erzielt. Eine Analyse von Fidelity hat jedoch ergeben, dass mehr als 50 Prozent der Anleger, die diesen Fonds in dieser Zeit besaßen, reale Verluste erlitten haben. Grund dafür war das kurzfristige Hin und Her der Anleger. Dieses Verhalten muss man auch bei ETFs befürchten: Hätte man einen Dax-ETF im März 2000 gekauft, wären in den darauffolgenden drei Jahren rund 73 Prozent Verluste entstanden. Ob ein Anleger das durchgehalten hätte, um den späteren Aufschwung mitzunehmen, darf man bezweifeln.

Rothauge: Das belegt auch eine Untersuchung von Comdirect, die ihre Anleger mit ETF-Schwerpunkt gegenüber denen mit Fondsschwerpunkt verglichen haben. Die Performance war zur Überraschung bei den Anlegern mit ETF-Schwerpunkt schlechter. Nicht weil diese schlechter gelaufen sind, sondern wegen der Zeitpunkte von Kauf und Verkauf.

Eisel: Das ist übrigens auch ein Grund dafür, warum viele Private-Equity-Fonds so eine gute Performance abliefern. Dort läuft die Beteiligung ja über zwölf Jahre und man kann sie nicht einfach so verkaufen. Diese Haltedisziplin wirkt sich in der Regel positiv auf die Rendite für Investoren aus.

Hauser: In einem klassischen Markt setzen wir durchaus auch mal ETFs ein. Beim Thema Emerging Markets würden wir uns das nicht trauen. Das ist so ein großer und schwieriger Markt, da wollen wir einen Manager haben, der vor Ort sitzt, sich auskennt und Stockpicking betreibt.

Marc Zimmer, Vermögensverwalter BKP Vermögensverwalter Foto: Andreas Mann Quelle: Das Investment

Unabhängigkeit und Vertrauen sind eng verknüpft

Marc Zimmer

Das Investment: Wechseln wir das Thema: Ist Ihre Unabhängigkeit wichtig für Ihre Unternehmensstrategie?

Bertram: Auf jeden Fall. Momentan leiden die Banken unter der Niedrigzinspolitik der EZB. Die Zinsmargen brechen weg, insbesondere bei einlagestarken Instituten wie Sparkassen oder Volksbanken. So konzentriert man sich stark auf hauseigene Produkte, mit denen mehr Geld verdient werden kann. Die einseitige Produktsteuerung im Verkauf empfindet so mancher Mitarbeiter als großes Problem.

Zimmer: Die Begrifflichkeiten Unabhängigkeit und Vertrauen sind eng verknüpft. Nach der Finanzkrise hat der Begriff der Unabhängigkeit stark an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Deswegen begrüßen wir auch viele Regularien von Mifid II. Es darf keine versteckten Provisionen geben, und der Nachweis der Mindestqualifikation von Mitarbeitern ist wichtig. Andere Anforderungen wie zum Beispiel das Transaction Reporting sehen wir eher kritisch, da dies vielmehr praxisfern und insbesondere für kleinere Vermögenverwalter eine große Herausforderung ist. Für unsere Unternehmensstrategie ist die Unabhängigkeit von entscheidender Bedeutung und muss letztendlich wieder zu einem besonderen Qualitätssiegel im Sinne der Kunden werden.

Eisel: Ich sehe Mifid II mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich finde es schade, wenn kleinere Research-Häuser und Bankhäuser vor dem Hintergrund rapide steigender organisatorischer Aufwände und Kosten vor existenziellen Problemen stehen. In unserem Hauptsegment, dem Small- und Mid-Cap-Bereich, muss die Entwicklung aber nicht unbedingt schlecht für uns sein, denn proprietäre Due Diligence wird sich noch mehr auszahlen.

Johannhörster: Bei Mifid II gilt der alte Spruch: Gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht. Wenn ich mich bei Kollegen erkundige, wer von ihnen 2018 noch Beratung anbieten wird und wer nur noch Vermögensverwaltungsmandate, hört man fast nur noch Letzteres. Ist das im Sinne des Gesetzgebers, wollte er das erreichen? Viele Menschen, die eine Beratung vielleicht bräuchten, bekommen sie dann aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr.

Bertram: Wozu das führt, zeigt das Provisionsverbot in England. Dort werden viele kleinere Vermögen überhaupt nicht mehr beraten. So vegetieren Hunderte von Millionen Britische Pfund unberaten vor sich hin. Oder die Anleger versuchen sich eben selbst an Investments, mit den schon angesprochenen nicht immer zufriedenstellenden Ergebnissen.

Das Investment: Stichwort Verwaltungsaufwand und Gebühren: Wie groß muss Ihres Erachtens ein Fonds sein, um in Zukunft gut überleben zu können?

Hauser: Sicherlich gibt es kleinere Boutiquen mit Fondsvolumen im einstelligen Millionenbereich. Hinsichtlich Mifid II und der geforderten Transparenz werden diese es in Zukunft schwer haben. Unser Ziel ist, dass ein Fonds in zwei, drei Jahren auf 25 bis 30 Millionen Volumen kommt. Langfristig ist ein geringeres Volumen kaum sinnvoll.

Rothauge: Auch wir denken, dass ein Fonds sich ab der Größenordnung 25 oder 30 Millionen wirtschaftlich so trägt, dass man alle notwendigen Investments umsetzen kann. Auf der anderen Seite gibt es auch Diseconomies of Scale, wie die viel zu vielen sehr großen Fonds zeigen, die ich keinem Anleger mehr empfehlen würde. Vor allen Dingen, wenn man sich dann anschaut, wie sich aufgrund ihrer Größe auch die Strategien geändert haben.

Bertram: Ich meine auch, dass ein Vermögensverwalter nicht unbedingt 250 oder 300 Millionen Euro under Management haben muss. Wir richten uns im Rechts- und Formularwesen stark nach den Empfehlungen des Branchenverbands. Damit können wir sehr gut leben. Ein Milliarden-Flaggschiff-Fonds, der in 80 Prozent aller Aktien gar nicht mehrsinnvoll investieren kann, würde uns keinen Spaß machen. Wir bewegen uns so auch in Nischen, die die Flaggschiffe nicht mehr erreichen.

Das Investment: Kommen wir zum Megatrend Digitalisierung: Ist Robo Advisory für Sie ein Thema?

Zimmer: Wir betreuen unsere vergleichsweise geringe Zahl an Kunden schon viele Jahre individuell, partnerschaftlich und mit einem besonderen Vertrauensverhältnis. Deswegen ist Robo Advisory für uns eher nachrangig. Bei unseren Mandanten geht es um die persönliche Beziehung und darum, den Kunden jederzeit mitzunehmen, damit er versteht, was wir tun. Die zunehmende Digitalisierung sehen wir aber als große Chance, weil wir interne Prozesse optimieren und transparenter gestalten können. Zudem haben die nachwachsenden Kundengenerationen andere Erwartungen an den digitalen Service. Dieser Herausforderung stellen wir uns gern.

Eisel: Wir haben ein breites Netzwerk im Softwareentwicklungsbereich und erforschen mit diesem die Möglichkeiten für uns. Unsere Meinung zu künstlicher Intelligenz ist, dass sie menschliche Fähigkeiten sehr gut komplementieren kann. Das ist zwar ein langfristiges Thema, aber eins, an dem wir definitiv arbeiten.

Johannhörster: Ich denke, dass die Roboter eher auf die Gruppe der Anlagevermögen von 20.000 bis 100.000 Euro abzielen. Das sehen wir nicht als Konkurrenz, sondern eher als ergänzendes Miteinander an. Wir haben das Thema eben schon berührt: Das zeitliche Zusammenfallen vom Großwerden der Robos und der Mifid-II-Regelung mag ein Zufall sein, aber wenn kaum noch Beratung geboten wird, an wen soll ich mich als Kunde dann wenden?

Hauser: Für die Kunden, die wir im Fokus haben, spielt auch zukünftig das Thema Robo Advisory keine Rolle. Und das Thema Digitalisierung ist bei uns im Haus eher noch in den Anfängen und bewegt sich eher im Bereich der Transparenzvorgaben hinsichtlich Mifid II. Oder dass man für Kunden eine App programmiert, um sie darüber über ihr Depot schneller und bequemer informieren zu können.

Rothauge: Jeder redet derzeit über Robo Advisory, doch faktisch sind dies die Portfolio-Optimierer, die es vor 25 Jahren schon gab – versteckt hinter einer netten Website. Aber diese Portfolio-Optimierung ist nicht wirklich schlauer als vor 20 Jahren, eben nur anders verpackt.

Bertram: Ich glaube, dass diese Digitalisierung eher für die Banken eine große Rolle spielt. Fast alle Bankgeschäfte kann man zuhause ohne Berater per iPad erledigen. So sehe ich diesbezüglich für die Bankberater und die Banken insgesamt am ehesten eine Disruption ihres Geschäftsmodells.  

Autor: Markus Deselaers, Das Investment
Erscheinungsdatum: 19.02.2018