Geschäftsmodelle, die über Jahrzehnte gut funktioniert haben und stetig wuchsen, werden durch die neuen Plattform-Unternehmen angegriffen. Foto: hocus-focus Quelle: iStock

Value-Aktien: Quo vadis?

Autor: Dr. Hendrik Leber und Yvonne Raßbach

Sie sind schnell, unaufhaltsam und am Puls der Zeit: Digital getriebene Unternehmen wie AirBNB, Amazon und Streaming-Dienste wie Spotify greifen Konzerne und Betriebe mit altbewährten Geschäftsmodellen an und mischen die Wirtschaft neu auf. Aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung taucht die Frage auf, ob der Value-Anlagestil à la Warren Buffett überhaupt noch zeitgemäß ist. ACATIS gehört zu den Pionieren unter den Fondsboutiquen, die für Buffetts Strategie stehen. Warum die Fondsboutique weiterhin auf Value setzt, erklärt Dr. Hendrik Leber, Geschäftsführender Gesellschafter bei ACATIS Investment, im Gespräch mit ChampionsNews. Er erläutert auch, wie ACATIS mit den Auswirkungen des digitalen Wandels im ACATIS Aktien Global Fonds umgeht.

Dr. Hendrik Leber, Geschäftsführender Gesellschafter, ACATIS Investment Foto: Dr. Hendrik Leber Quelle: ACATIS Investment

ChampionsNews: Value-Investing hat eine ziemlich lange Durststrecke hinter sich. Auch im vergangenen Jahr schnitt, trotz der Korrektur der Technologiewerte, der S&P Value Index schlechter ab als der S&P Growth. So war es auch schon in den Vorjahren. Warum war der ACATIS AKTIEN GLOBAL FONDS (ISIN DE0009781740 ), Ihr langjähriger Aktienfonds, der auf Value setzt, kaum betroffen?

Dr. Leber: Wir haben Value in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, weil wir glauben, dass diese Schwäche der Value-Aktien nicht nur einfach eine lange Phase der Underperformance ist, die dann bald wieder einfach so vorbei ist. Sieht man sich die zehnjährigen rollierenden Renditen seit 1936 an, fällt auf, dass Value als Anlagestil noch nie so lange schlechter als Growth lief wie in den vergangenen Jahren. Unserer Ansicht nach ist das kein Zufall, sondern hat entscheidend mit der technologisch getriebenen Disruption zu tun, die wir in fast jeder Branche beobachten. Es ist wahrscheinlich die größte Veränderung seit der industriellen Revolution. Darauf müssen wir als Investor reagieren.

ChampionsNews: Können Sie ein paar Beispiele für diesen Wandel nennen?

Dr. Leber: Geschäftsmodelle, die über Jahrzehnte gut funktioniert haben und stetig wuchsen, werden durch die neuen Plattform-Unternehmen angegriffen. Die Burggräben, von denen Warren Buffett sprach, werden in vielen Branchen plötzlich eingerissen. Teilten sich früher die großen Lebensmittelhersteller die Regale der Supermärkte auf, weil nur sie die Einlistungsgebühr bezahlen konnten, bekommen sie plötzlich Konkurrenz von Firmen wie mymuesli in Deutschland oder Dollar Shave Club in den USA. Es beginnt durch Wettbewerb im Internet über Onlineshops und Plattformen, wie Amazon und Ebay, und irgendwann nehmen die Supermärkte derart aufgebaute Marken von selbst ins Sortiment, weil der Kunde sie nachfragt. Das bedeutet nicht das Ende für Kellogg‘s, Nestlé oder Procter & Gamble, aber ihr Wachstum wird dadurch unter Umständen erheblich gebremst. Und solche Prognosekorrekturen führen dann zu empfindlichen Kurseinbrüchen. AirBNB hat die ganze Hotelbranche durcheinandergewürfelt, ohne je ein Hotel bauen zu müssen. Der Plattenladen ist längst Geschichte, die Download-Plattformen sind es im Grunde auch schon wieder, Streaming-Dienste, wie Spotify, haben sie schon abgelöst. Internetbanken, wie die Bank 26 oder Google und Apple Pay, sind eine Bedrohung für das Geschäftsmodell von American Express und das klassische Bankgeschäft im Allgemeinen. Die Liste ließe sich enorm verlängern. Schauen Sie sich die deutsche Automobilindustrie an. Die Elektromobilität macht über 100 Jahre Kompetenz im Verbrennungsmotoren- und Getriebebau wahrscheinlich obsolet. Da kann ich nicht einfach eine Daimler kaufen, nur weil das KGV bei sieben und die Dividendenrendite bei sechs Prozent liegen.

Nur wenn die zukünftig erwarteten abgezinsten Cashflows einen höheren Wert für ein Unternehmen ergeben, als an der Börse dafür bezahlt wird, investieren wir.

Dr. Hendrik Leber

ChampionsNews: Wie haben Sie auf die beschriebenen Entwicklungen im ACATIS Aktien Global Fonds konkret reagiert?

Dr. Leber: ACATIS ist und bleibt ein klarer Value-Investor, nichtsdestotrotz müssen wir diese neuen Entwicklungen in unsere Analyse einbeziehen. Der Frage, ob ein Geschäftsmodell noch zukunftstauglich ist, kommt eine größere Bedeutung zu als früher. Zukünftige Erträge spielen nicht plötzlich die einzige Rolle, aber sie sind wichtiger geworden als in der Vergangenheit. Das bedeutet aber nicht, dass wir jedem Wachstumstrend folgen. Nur wenn die zukünftig erwarteten abgezinsten Cashflows einen höheren Wert für ein Unternehmen ergeben, als an der Börse dafür bezahlt wird, investieren wir. So bleiben wir den Grundsätzen des Value-Investments treu, befördern es aber ins 21. Jahrhundert. Wir nennen das Buffett 2.0. Übrigens ist Buffett selbst ja mittlerweile in Apple investiert, nachdem er jahrelang Technologiewerten gegenüber abstinent war.

ChampionsNews: Und welche Titel befinden sich in Ihrem Portfolio? Sind es doch Titel wie Facebook, Amazon, Apple, Netflix oder Google beziehungsweise Alphabet, kurz FAANG genannt?

Dr. Leber: Durchaus. Nicht alle, aber beispielsweise Alphabet haben wir im Fonds, genauso wie Microsoft. Apple hatten wir, haben aber dort vor der letzten Umsatzwarnung Gewinne mitgenommen. Alphabet wie auch Microsoft profitieren enorm von ihren Cloud-Services und den Anwendungen der Künstlichen Intelligenz, die sie ihren Kunden anbieten können. Sie sind hier auch deshalb so überlegen, weil sie über einen enormen Datenschatz verfügen, insbesondere Alphabet. Facebook würden wir aber nicht kaufen. Facebook hat zwar auch eine monopolartige Stellung, ist aber doch einem gewissen Zeitgeist unterworfen. Ob Menschen auch in Zukunft alles ins Internet stellen wollen, ist sehr ungewiss. Außerdem ist die junge Generation nicht mehr verstärkt auf Facebook, sondern auf Instagram zu finden. Die Online-Plattform gehört zwar zu Facebook, aber ob sich hier die gleichen Werbeerlöse erzielen lassen, ist schwer vorherzusagen. Bei Google, als Suchmaschine von Alphabet, ist das anderes. Das Unternehmen ist schon heute unser ständiger Begleiter, wenn wir irgendeine Auskunft benötigen oder eine Wegbeschreibung brauchen. Das wird sich kaum ändern.

ChampionsNews: Es gibt Kritiker, die behaupten, Sie praktizierten gar kein echtes Value-Investing mehr. Wie begegnen Sie diesen?

Dr. Leber: Ich begegne ihnen mit einem Zitat von Warren Buffett. Denn interessant ist, was der Value-Investor der Value-Investoren bereits 1992 in den Geschäftsbericht seiner Investment-Holding, Berkshire Hathaway, schrieb: „Die meisten Analysten sind der Meinung, dass sie zwischen Value und Wachstum wählen müssen. Wir betrachten das als „unsauberes“ Denken. Unserer Meinung nach sind beide Ansätze an der Hüfte vereint: Wachstum ist immer ein Bestandteil der Wertberechnung und stellt eine Variable dar, deren Bedeutung von zu vernachlässigend bis enorm sein kann. Typischerweise handelt es sich bei Value-Werten um den Kauf von Aktien mit Attributen wie einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis, einem niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnis oder einer hohen Dividendenrendite. Gegenteilige Merkmale – ein hohes Kurs-Buchwert-Verhältnis, ein hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis und eine niedrige Dividendenrendite – sind keineswegs unvereinbar mit einem Value-Kauf.“ Im Umfeld technologischer Umbrüche kommt dem Thema Wachstum eine enorme Bedeutung zu. Dem tragen wir Rechnung mit Buffett 2.0. 

Autor: Dr. Hendrik Leber und Yvonne Raßbach
Erscheinungsdatum: 29.03.2019