Mit der Sentiment-Prämie, auch Sentiment Value genannt, können sich Anleger eine neue Renditequelle erschließen. Foto: omersukrugoksu Quelle: iStock

Eine verborgene Prämie an den Märkten

Autor: Patrick Hussy und Yvonne Raßbach

Anleger sind fortwährend auf der Suche nach Aufschlägen und Risikoprämien in verschiedenen Asset-Klassen. Durch den Renditeverfall und die Hausse der letzten Jahre sind die meisten Ertragsquellen ausgepresst. Von vielen Anlegern noch weitgehend unentdeckt, gibt es jedoch eine Alternative: die Sentiment-Prämie. Sie entsteht aus dem Verhalten der Anleger und „schlummert“ in allen Anlageklassen. Der Spezialist in Deutschland für dieses Behavioral Finance genannte Gebiet heißt sentix. Warum sentix Stimmungsextreme liebt und wie Anleger hiervon profitieren können, verrät Patrick Hussy, geschäftsführender Gesellschafter und Portfolio Manager bei sentix Asset Management, im Interview mit ChampionsNews. Zudem erklärt Hussy, wie er seine Expertise im sentix Risk Return -M- Fonds umsetzt.

Patrick Hussy, geschäftsführender Gesellschafter und Portfoliomanager, sentix Quelle: sentix

ChampionsNews: Sie sind am Markt für Ihre Sentiment-Indikatoren und Analysen bekannt. Welches Ziel verfolgen Sie dabei und was hat ein Anleger von dieser besonderen Sicht auf die Börsen?

Hussy: „Menschen machen Märkte“ – dies ist die triviale, aber auch weitreichende Aussage, die hinter dem Investmentansatz der sentix Asset Management steht. Die Art und Weise, wie wir Menschen denken, fühlen und handeln, hinterlässt am Markt Spuren. Wer diese gut analysiert, kann künftige Aktionen der Anleger erahnen und sich entsprechend positionieren. Hierdurch ist es möglich, einen Mehrertrag zum Markt zu erwirtschaften – die Sentiment-Prämie, auch Sentiment Value genannt. Anleger können sich auf diese Weise eine neue Renditequelle erschließen. Zusätzlich helfen Sentiment-Prämien, die Anlegerdepots zu stabilisieren. Die konträre Vorgehensweise führt dazu, dass Sentiment-Prämien relativ niedrig zu anderen Prämien korreliert sind. Die sentix-Ergebnisse im Jahr 2018 haben dies eindrucksvoll bewiesen.

ChampionsNews: Kann diese Prämie nicht auch verschwinden?

Hussy: Im Gegensatz zu den meisten anderen Prämien verschwindet die Sentiment-Prämie nicht dadurch, dass Marktteilnehmer versuchen, sie auszubeuten. Es liegt in der Natur der Behavioral Finance, dass die Mehrheit der Marktteilnehmer nicht in der Lage ist, dauerhaft diese Prämie zu vereinnahmen. Dazu müssten Menschen mehrheitlich hochdiszipliniert sein, über lange Zeit gegen die eigenen Emotionen ankämpfen und sich gegen den Mainstream verhalten. Dies führt zu einem Zirkelschluss: Sobald sich eine Mehrheit konträr verhält, hat sich wieder ein neuer Mainstream gebildet, dem durch konträres Handeln begegnet werden könnte. Der US-amerikanische Investor George Soros hat dies als die Reflexivität des Marktes bezeichnet. Vereinfacht gesagt verändern die Anleger in dem Moment die zukünftige Realität des Marktes, in dem sie beginnen, sich auf eine Zukunft einzustellen.

Menschen machen Märkte. Hieraus entsteht eine Prämie, die viele Anleger noch zu wenig für sich nutzen.

Patrick Hussy

ChampionsNews: Auf welche Daten greifen Sie zurück?

Hussy: Über unsere sentix-Kapitalmarktumfrage gewinnen wir wertvolle Informationen zum Anlegerverhalten. Diese Daten bilden das Fundament unserer Analysearbeit. Seit 2001 ist damit die größte Datenbank zum Anlegerverhalten entstanden. Sie erlaubt uns, die Erkenntnisse der Behavioral Finance nahezu in Echtzeit umzusetzen und unsere Expertise für Produkte mit unterschiedlichen Risiko-Rendite-Profilen einzusetzen. Wir analysieren Indikatoren zu unterschiedlichen Asset-Klassen, Märkten und Sektoren. Zusätzlich sammeln wir die Daten getrennt nach Investorengruppen. Aussagen lassen sich somit für das Verhalten von institutionellen Anlegern wie auch Privatinvestoren treffen.

ChampionsNews: Wie setzen Sie die Erkenntnisse in der Praxis um?

Hussy: Gerade in einem emotionalen oder sehr einseitigen Anlegerverhalten stecken enorme Chancen. Wir lieben Stimmungsextreme, denn wenn Angst oder Gier dominieren, ist die Sentiment-Prämie besonders hoch. Aber nicht nur die Stimmung der Anleger betrachten wir. Beispielhaft sei hier der Strategische Bias der Anleger genannt. Ändert sich dieser über mehrere Wochen, signalisiert dies eine aufkommende Kauf- oder Verkaufsbereitschaft. Auf Basis umfassender statistischer Untersuchungen haben wir Modelle entwickelt, die zu systematischen Signalen einer eigentlich „weichen“ Wissenschaft führen. Die Modelle verfolgen dabei unterschiedliche Anlagehorizonte, die wir unabhängig voneinander betrachten. Doch nicht alle verhaltensorientierten Phänomene werden über diese Modelle erfasst. Ein Teil bedarf der diskretionären, qualitativen Analyse eines erfahrenen Teams unter der Leitung von sentix-Gründer Manfred Hübner.

ChampionsNews: Im sentix Risk Return -M- setzen Sie Ihre Expertise um. Wie hat sich der Mischfonds geschlagen?

Hussy: Viele Fondskonzepte schwimmen mit den Märkten. Unabhängige Strategien sind rar, deswegen sind die Ergebnisse vieler Fonds meist hoch untereinander korreliert. Laufen die Märkte nicht so gut, dann haben viele Anleger ein Problem. Wir sind aufgrund unseres Ansatzes echte Contrarians. Kommen dann noch Schwankungen – und damit Emotionen – als Salz in der Suppe hinzu, können sich die sentix-Fonds deutlich differenzieren. Das letzte Börsenjahr war bestens geeignet, um diese These zu untermauern. Der sentix Risk Return -M- (ISIN DE000A2AJHP8) hat 2018 mit einem Plus von 3,2 Prozent rund 98 Prozent aller Fonds in seiner Vergleichsgruppe hinter sich gelassen. Das verstehen wir unter Diversifikation.

Dieses gute Ergebnis konnte nur gelingen, weil wir die Aktienrisiken zur Jahresmitte 2018 komplett abgebaut und im Gegenzug, als alle Welt noch von Zinssteigerungen ausging, langlaufende Anleihen gekauft hatten. Auch unser antizyklischer Kauf von Gold im vergangenen Sommer hat dazu beigetragen, dass sich die Wertentwicklung der sentix-Fonds derart positiv vom Marktdurchschnitt abheben konnte. Wichtig ist aber auch bei unseren Fonds, dass Anleger Zeit brauchen, um von der Prämie zu profitieren. Denn wie gut der Ansatz funktioniert, liegt, vereinfacht gesagt, an der Volatilität der Märkte: Je stärker die Schwankungen, desto einfacher lassen sich Sentiment-Prämien extrahieren und umgekehrt. In den ersten vier Monaten des Jahres 2019 waren die Schwankungen gering und damit die zu erzielenden Prämien. Aber das Jahr ist noch lang.

ChampionsNews: Wo erkennen Sie aus Ihren Analysen heraus die aktuell größten Chancen?

Hussy: Die sentix-Konjunkturerwartungen haben sich in den letzten Monaten nach und nach gedreht. Das Rezessionsgespenst scheint vertrieben, die Zeichen stehen wieder auf Aufschwung. Es gäbe also durchaus einen „guten“ Grund für Anleger, ihre Depots stärker pro Aktien auszurichten.

Doch dem steht ein starker psychologischer Ankereffekt gegenüber. Aufgrund der Tatsache, dass die Jahresschlusskurse 2018 nahe dem Korrekturtief des gleichen Jahres lagen, stehen nun seit Jahresstart 2019 kräftige Kursgewinne an. Sie sind, bezogen auf die vorangegangenen Verluste, zwar überwiegend nur Erholungen nach den vorhergehenden Verlusten, doch für die Anleger, die oft in Jahresergebnissen denken, wirken die Aktienmärkte nun „teuer“. Wer hätte Ende 2018 schon mit einem so starken Kursaufschwung im Jahr 2019 gerechnet?

Trotz des sich bessernden Konjunkturumfelds besteht dadurch eine starke Hürde für die Investoren, weiter in Aktien zu investieren. Dies wiederum eröffnet die Chance, dass die Hausse des Jahres 2019 bis in den August hinein andauert.

Eine Hausse stirbt in der Euphorie – davon ist noch nicht viel zu sehen. Es gibt also gute Gründe, seinen Aktienbeständen weiter die Treue zu halten und Korrekturen, Stand heute, als Kaufchancen zu verstehen. 

Autor: Patrick Hussy und Yvonne Raßbach
Erscheinungsdatum: 11.06.2019