Der in Deutschland noch recht junge Private-Debt-Markt befindet sich mitten in seiner ersten Bewährungsprobe. Foto: petervician Quelle: iStock

Private Debt: Anlageklasse nicht nur für Boomzeiten

Autor: Dr. Sofia Harrschar

Private Debt ist als Anlageklasse in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Die Corona-Krise ist nun der erste größere Härtetest für den in Deutschland noch vergleichsweise jungen Markt. Schon jetzt hat sich gezeigt: Ein engmaschiges Monitoring und umfassendes Risikomanagement sind von besonderem Wert. Die Anlageklasse Private Debt dürfte auch auf Dauer ihre Vorteile ausspielen können.

Dr. Sofia Harrschar, Member of the Board, Executive Director, Head of Alternative Investments, Universal-Investment Foto: Alexander Habermehl Quelle: Universal-Investment

Dieser Artikel richtet sich an professio­nelle und semi-professionelle Investoren.

Der hierzulande noch recht junge Markt für Private Debt befindet sich mitten in seiner ersten Bewährungsprobe. Der Markt für Debt Funds (Loan Participation) und direkte Darlehensvergabe durch Nicht-Banken (Loan Origination) bekommt die Corona-Krise zu spüren. Wie wird sich ein möglicher Anstieg von Kreditausfällen durch den massiven Konjunktureinbruch auswirken? Wie der steigende Liquiditätsbedarf von Unternehmen? Und wie werden Investoren reagieren?

Historische Daten fehlen. Denn der Markt für Private-Debt-Strukturen ist in Deutschland erst nach der Finanzkrise 2009 entstanden. Über die letzten Jahre entwickelten sich Private-Debt-Anlagen von einem Nischenprodukt zu einem festen Bestandteil in vielen Portfolios institutioneller Investoren. Trotz Krise spricht einiges dafür, dass das so bleiben wird.

Der Anstieg von Private-Debt-Anlagen vor der Corona-Krise war beeindruckend. Hintergrund war die zunehmende Zurückhaltung der Banken im Kreditgeschäft aufgrund schärferer Regulierung. Gerade im Mittelstand taten sich Finanzierungslücken auf. Auch für Infrastruktur- oder Immobilienprojekte sowie Schiffsfinanzierungen waren zunehmend alternative Geldgeber gefragt. Banken selbst gingen dazu über, Kreditfonds aufzulegen, um ihre Bilanzen zu entlasten. Auf der anderen Seite standen Investoren, die im Niedrigzinsumfeld nach renditeträchtigen Anlagen und Diversifizierungsmöglichkeiten suchten. Auch wenn das Wachstum Schwankungen unterlag und sich laut Datenanbieter Preqin das Volumen gegenüber dem Höchststand 2017 etwas verringert hat: In Private- Debt-Fonds flossen 2019 noch immer 107 Milliarden US-Dollar an Investorengeldern.1

Debt-Strukturen in drei Jahren verdoppelt

Auch das von Universal-Investment in Debt-Strukturen investierte Spezialfondsvolumen zeigt für die vergangenen Jahre ein rasantes Wachstum: Das Volumen lag Ende 2019 bei 9,5 Milliarden Euro und hat sich damit gegenüber 2016 (4,7 Milliarden Euro) verdoppelt (s. Grafik 1). Es dominieren Unternehmenskredite mit 5,9 Milliarden Euro, auf Kredite für Projekte im Bereich Infrastruktur entfallen 1,4 Milliarden Euro, auf Kommunaldarlehen 1 Milliarde Euro, auf Immobilien 869 Millionen Euro und auf Schiffsfinanzierungen 318 Millionen Euro – in insgesamt 45 aktiven Fondsstrukturen.

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Quelle: Universal-Investment. Stand: Dezember 2019

Vorteile für Kreditgeber und -nehmer

Die Vorteile von Private Debt umfassen insbesondere folgende Aspekte: Die Anlageklasse bietet die Chance auf Renditen über denen von herkömmlichen Anleihen, eine zusätzliche Diversifizierung, meist eine niedrige Korrelation zu anderen Anlageklassen und überwiegend planbare Mittelzuflüsse. Private Debt ist zudem grundsätzlich geeignet, um insbesondere langfristige Zahlungsverpflichtungen zu decken. Eine weitere Risikobegrenzung ermöglicht die Kombination unterschiedlicher Private-Debt-Strategien – auch aus den unterschiedlichen Bereichen Unternehmens-, Infrastruktur- oder Immobilienfinanzierungen. Für Versicherer, die Solvency II unterliegen, sind Fremdkapitalinstrumente inklusive Kreditfonds darüber hinaus grundsätzlich weniger eigenkapitalintensiv als Private Equity oder Direktinvestitionen in Immobilien.

Für Unternehmen stellt Private Debt eine zusätzliche Finanzierungsquelle dar – vor allem für Übernahme- oder Wachstumsfinanzierungen bzw. in Sondersituationen. Private Debt ist zwar oft teurer als herkömmliche Bankkredite oder die Finanzierung über Anleihen, erlaubt aber im Regelfall mehr Flexibilität. So erfolgt die Kreditgewährung oft schneller, die Bedingungen werden häufig individuell festgelegt. Kreditnehmer sind zudem meist kleinere und mittelgroße Unternehmen, deren Rating oft im Sub-Investment-Grade- oder im unteren Investment-Grade-Bereich liegt und die daher meist erschwerten Zugang zu anderen Finanzierungsquellen haben.

Den Herausforderungen der Komplexität begegnen

Die längerfristigen Auswirkungen von COVID-19 auf den PrivateDebt-Markt sind in Gänze noch nicht abzusehen. Die erste Reaktion war deutlich: Laut BAI verzeichnete die Asset-Klasse Private Debt im ersten Quartal mit minus 41 Prozent einen drastischen Rückgang im Fundraising, wobei Direct Lending zu den präferierten Investitionen zählte. Die Nachfrage nach Venture und Distressed Debt ist dem BAI zufolge hingegen massiv eingebrochen.2

Schon vor der Krise war Private Debt eine komplexe Anlageklasse mit besonderen Herausforderungen. Da sind zum einen die Illiquidität, die geringe Transparenz und zum anderen der in der Regel lange Anlagehorizont. Zielinvestments sorgfältig auszusuchen erfordert viel Know-how. Und nicht zuletzt sind ein umfassendes Risikomanagement und Reporting wichtig, um die Risiken zu minimieren. In der Krise gilt es einmal mehr, Bewertungen kritisch zu hinterfragen und Kreditnehmer besonders sorgfältigen Bonitätsprüfungen zu unterziehen, Businesspläne genauestens zu prüfen und Entwicklungen zu überwachen. So wirft die Krise in besonderer Weise ein Schlaglicht darauf, wie wertvoll es ist, als Fondsinitiator oder institutioneller Investor nicht alleine dazustehen.

Hilfreich ist ein Partner mit Struktur- und Asset-Know-how, der kompetent unterstützt und möglichst viel Erfahrung beim strukturellen und operativen Aufsatz mitbringt. Das gilt für alle Zielinvestments, also Unternehmenskredite, Immobilien- oder Infrastrukturdarlehen, Schiffs- oder Kommunalkredite. Wichtig ist auch, dass der Partner offen ist für die unterschiedlichsten Schnittstellen und mit Dienstleistern nahtlos zusammenarbeitet, die der Fondsinitiator bereits zu seinem Team zählt, wie etwa Rechts- und Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer.

Krisenfest dank Unterstützung

Nicht nur beim strukturellen und operativen Aufsatz, lohnt es sich auf einen erfahrenen Partner zu setzen. Um möglichst ruhig durch eine Krise zu kommen, ist ein noch engerer Austausch aller Beteiligten nötig.
Hier ein paar Beispiele:

  • Erhöhung der Frequenz der üblichen regelmäßigen Reviews zu allen Loan-Investments und Kontrollen außerhalb des Turnus.
  • Prüfung ob der Markt für die entsprechende Transaktion passend und aktuell von keinen besonderen Verwerfungen betroffen ist – und dies bei allen neuen Investments. Gegebenenfalls wurden Neuinvestments in Abstimmung mit den Asset Managern und Fondsinitiatoren wegen schwieriger Preisfindung verschoben.
  • Enger Austausch mit Asset Managern zu aktuellen Entwicklungen und vor allem zu den Bereichen, die durch die Corona-Krise besonders betroffen sind/sein könnten sowie Einholung von Stellungnahmen zur Fondsstrategie und zur allgemeinen Markt-/Risikosituation.
  • Engmaschige Überwachung der Liquiditätssituation von Fonds und Investments.

Wie wird Private Debt aus der Krise hervorgehen?

Auch wenn es eine banale Erkenntnis ist: Jede Krise bietet Chancen. Gerade die Flexibilität von Private Debt könnte sich als Vorteil erweisen, wenn der Bedarf an Finanzierungen wieder steigt. Wenn sich die wirtschaftlichen Folgen in der Breite nicht weiter verschärfen, dürften auch die für Investoren entscheidenden Vorteile bleiben: das attraktive Rendite-Risiko-Profil, die Diversifikation, regelmäßige Erträge (s. Grafik 2). Die Suche nach renditeträchtigen Anlagen durch das nun nochmals länger anhaltende Niedrigzinsumfeld dürfte sich sogar verschärfen. In einigen zukunftsträchtigen Branchen wird der Finanzierungsbedarf nochmals steigen, etwa in der digitalisierungsbezogenen Infrastruktur, auch für den 5G-Netzausbau.

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Quelle: BAI-Studie Unternehmenskreditfinanzierungen 2019

Problematisch erscheinen die aufgrund der hohen Unsicherheiten schwierigeren Bonitätsbeurteilungen, eventuelle Ausfälle von Darlehen oder der mögliche Wertverfall der Besicherung. Enges Monitoring ist wichtig wie nie. Gelingt das, dürfte Private Debt die Bewährungsprobe Corona bestehen. Die Anlageklasse dürfte sich dann auf Dauer als Portfoliobaustein etablieren und das Rendite-Risiko-Profil von Anlageportfolios verbessern helfen.
1Preqin, 09.01.2020; 2BAI-Newsletter II/2020 

Autor: Dr. Sofia Harrschar
Erscheinungsdatum: 17.09.2020