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Resilient und wandlungsfähig: Alternatives trotzen den Krisen

Autoren: Robert Bluhm, Dr. Sofia Harrschar, Universal Investment

Erscheinungsdatum: 08. August 2022

  • Institutionelle Investoren
  • Alternative Investments
Fernrohr Foto: Igor Svetlichnyi Quelle: iStock.com

Der Alternatives-Boom geht weiter – mit einigen Verlagerungen. Immer beliebter wird Private Debt. Dazu steigt die Nachfrage nach ESG-konformen Alternative Investments. Doch die Herausforderungen sind groß, unter anderem wegen fehlender ESG-Daten. Dabei sind Alternatives in besonderer Weise geeignet, einen Beitrag zur Klimawende zu leisten und Innovationen anzuschieben.


Dr. Sofia HarrscharDr. Sofia Harrschar, Member of the Board, Executive Director, Country Head Luxembourg, Head of Alternative Investments & Structuring, Universal Investment, Foto: Alex Habermehl, Quelle: Universal Investment
Robert BluhmRobert Bluhm, Director, Sustainability Officer / Head of ESG-Office, Head of Product Management Alternative Investments & Structuring, Universal Investment,  Foto: Alex Habermehl, Quelle: Universal Investment

Selbst die schlimmste Pandemie seit hundert Jahren konnte dem Trend nichts anhaben: Immer mehr Institutionelle Investoren entscheiden sich für Alternative Investments. Die Zinsen sind trotz jüngstem Anstieg immer noch niedrig, die Volatilität an den liquiden Märkten hoch, dazu gesellt sich nun noch eine hohe Inflation, die die Suche nach Sachwerten abermals verstärkt. Dem Finanzdatenanbieter Preqin zufolge ist das von Institutionellen Investoren weltweit verwaltete Vermögen in Alternative Assets im vergangenen Jahr auf 13,3  Bio. US-Dollar gestiegen. Im Pandemiejahr 2020 hätten Alternatives ihre Widerstandskraft unter Beweis gestellt,  erklärt Preqin, 2021 hätten sie gezeigt, dass sie sich auch in einem schnell wandelnden Umfeld gut entwickeln könnten (Quellen: Preqin, 12.1.2022, Börsen-Zeitung, 12.1.2022). 

Nicht nur die absoluten Zahlen weisen nach oben, auch die relativen. Dem „BAI Investor Survey 2021“ zufolge ist der Anteil von Alternatives in den Portfolios der über 100 befragten Institutionellen Investoren von 21,7 Prozent 2020 auf 22,7 Prozent 2021 gestiegen.

Die Zahlen von Universal Investment bestätigen diese Entwicklungen. Das Volumen der bei Universal Investment in Deutschland und Luxemburg aufgelegten Vehikel, die ausschließlich in Alternatives investieren, ist von Ende 2020 bis Ende 2021 von knapp 57 Mrd. Euro auf fast 80 Mrd. Euro gestiegen – ein Plus von 40 Prozent in nur einem Jahr.

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Alternatives & Real Estate auf der Plattform von Universal Investment: Von 1 Prozent im Jahr 2022 auf derzeit über 17 Prozent 

Auch der Anteil von Alternatives & Real Estate auf der Plattform von Universal Investment ist in Relation zu anderen Asset-Klassen weiter gewachsen, wie die regelmäßig durchgeführte 360-Grad-Analyse von Universal Investment zum Anlageverhalten Institutioneller Investoren zeigt. Sie umfasst im Gegensatz zu den oben genannten Zahlen alle Anlagen in deutschen Spezialfonds bei Universal Investment. Die 360-Grad-Analyse ermöglicht einen durchaus repräsentativen Blick auf das Anlageverhalten Institutioneller Investoren in Deutschland. Denn die analysierten Assets under Administration belaufen sich auf 510 Mrd. Euro. Das entspricht etwa 23 Prozent des gesamten vom BVI erfassten offenen und geschlossenen Spezialfondsvermögens von 2.225 Mrd. Euro (Quelle: BVI, 31.12.2021).

Der Rentenanteil der Institutionellen Investoren ist der 360-Grad-Analyse zufolge mit 38,6 Prozent per Ende 2021 erstmals unter 39 Prozent gesunken – das niedrigste Niveau seit Auswertung der Daten. Die Aktienquote kletterte weiter nach oben auf 26,9 Prozent. Immobilien in Spezialfonds machten brutto (die Grafik zeigt die Nettobestände) rund 5,4 Prozent auf der Plattform aus. Dazu kamen Beteiligungs-/Infrastrukturprojekte mit 11,7 Prozent. Insgesamt steckten somit 17,1 Prozent in Real Assets/Immobilien, im Vergleich zu weniger als 1 Prozent Anfang 2012.

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Private Debt immer beliebter 

Auch wenn Private Equity weiter den größten Anteil ausmacht: Innerhalb der Asset-Klasse Alternatives ging der Trend zuletzt klar zu Debt-Strukturen – und dies in all ihren Facetten. Das zeigt sich im Volumen und auch in der Zahl der Transaktionen von Universal Investment.

Private Debt bietet eine ganze Reihe von Vorteilen: die Chance auf Renditen über denen von Anleihen, die zusätzliche Diversifizierung, die meist niedrige Korrelation zu anderen Anlageklassen sowie planbare Cashflows. Speziell zur Deckung langfristiger Verbindlichkeiten eignet sich Private Debt daher besonders gut. Die Kombination unterschiedlicher Debt-Strategien bietet zudem eine weitere Diversifizierungsmöglichkeit – mit Engagements in unterschiedliche Debt-Bereiche wie Unternehmens-, Infrastruktur- oder Immobilienfinanzierungen. Anlageformen in Private Debt können im Übrigen regulatorisch gegenüber Private Equity im Vorteil sein. Für Versicherer, die Solvency II unterliegen, sind Fremdkapitalinstrumente inklusive Kreditfonds unter bestimmten Voraussetzungen weniger eigenkapitalintensiv als Private Equity oder Direktinvestitionen in Immobilien.

Trend zu nachhaltigen Investments 

Neben der Entwicklung in Richtung Private Debt ist ein weiterer Trend klar erkennbar: der Trend zu nachhaltigen Investments. Viele Investoren von Alternatives wollen in Projekte mit konkreter positiver Nachhaltigkeitswirkung investieren. Auch das belegt eine Umfrage von Universal Investment – die Nachhaltigkeitsumfrage aus dem Herbst 2021, die sich allerdings nicht nur auf Alternatives beschränkte, sondern alle Investments einbezog. Rund 200 Kunden nahmen an der Umfrage teil, darunter Finanzinstitute, Versicherungen, Pensionskassen, Versorgungskassen und Vorsorgeeinrichtungen. Das Ergebnis: Für 86 Prozent der Investoren spielt Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage eine Rolle, über 60 Prozent nutzen bereits eine oder mehrere ESG-Strategien.

Was die Umfrage allerdings auch deutlich macht: ESG stellt Investoren vor besondere Probleme. Als größte Herausforderung sehen die Befragten die regulatorische Unsicherheit. Dem folgen der Mangel an vergleichbaren und historischen Daten, die Heterogenität der Datenmenge, das eingeschränkte Verständnis von ESG und die länderspezifische ESG-Regulatorik.

Alternatives mit ESG-Charakter – kein leichtes Unterfangen

Was hinsichtlich ESG für alle Asset-Klassen gilt, dürfte einmal mehr für Alternatives gelten. Zwar weisen viele Alternatives klassische Nachhaltigkeitscharakteristika auf, etwa Projekte aus dem Bereich erneuerbarer Energien oder der klassische öffentliche Nah- und Fernverkehr. Auch der langfristige Charakter von Alternatives passt gut zur Nachhaltigkeit. Doch erfordert die Langfristigkeit ein noch genaueres Hinsehen bei der Selektion. Fehlentscheidungen sind viel schwerer zu korrigieren als bei liquiden Anlagen.

Sowohl Investoren als auch Vermögensverwalter stehen vor dem Problem, dass ihnen zu Investitionen im Bereich Alternatives meist keine nachhaltigkeitsbezogenen Daten zur Verfügung stehen. Was schon in der Welt der liquiden Anlageklassen in Einzelbereichen eine Herausforderung ist, stellt sich in der Welt der illiquiden Anlagen nochmals komplexer dar, da es weder Standards noch automatisierte Datenfeeds gibt. Verlässliche Daten sind aufgrund von fehlenden standardisierten Erhebungsstrukturen und Messproblemen meist nicht verfügbar. Für ein systematisches ESG-Reporting im Bereich Alternatives gibt es allenfalls erste Ansätze.

Dazu kommen oft hohe Aufwände für die Datenerfassung. Im Aktienbereich veröffentlichen börsennotierte Unternehmen meist dezidierte Nachhaltigkeitsberichte mit Ausweisen zu bestimmten Nachhaltigkeitsindikatoren. Dies erleichtert die Aufbereitung von ESG-Kennzahlen durch Datenprovider, die von einer Vielzahl von Investoren genutzt werden können. Im Bereich der Alternatives gibt es hingegen oft nur wenige Investoren pro Investment und kaum frei verfügbare Informationen zu nachhaltigkeitsrelevanten Kennzahlen. Es muss häufig auf Eigenerhebung zurückgegriffen werden, da eine automatisierte Datenbeschaffung weitestgehend nicht möglich ist. Zusätzliche Herausforderungen erwachsen, wenn die Anbieter nicht aus Europa kommen und mit den hiesigen regulatorischen Vorgaben nicht vertraut sind. Nicht selten fehlt auch ein Verständnis für die Zusatzaufwände, die durch die Datenerfassung entstehen.

Gleichzeitig strömen immer mehr Institutionelle Investoren an den Alternative-Investments-Markt, die bislang nichts damit zu tun hatten und für die Alternatives nur einer von vielen Bausteinen in ihrer umfassenden Portfoliostrategie ist. Sie stellen ganz selbstverständlich in Bezug auf das Reporting – auch das ESG-Reporting – dieselben Anforderungen wie an ihre klassischen Investments. Dadurch kommt im Übrigen den Plattformen eine wachsende Bedeutung zu: Investoren und Fondsinitiatoren wollen eine Strategie im Blick behalten und umgesetzt wissen, die (auch) Alternative Investments umfasst.

Alternatives-Quoten: Noch Luft nach oben


Wachsende Volumina, insbesondere im Bereich Private Debt, wachsende Anteile in den Portfolios, wachsende ESG-Ausrichtung: Setzen sich diese Trends fort? Dafür spricht einiges. Der Finanzdatenanbieter Preqin prognostiziert, dass das verwaltete Vermögen in Alternatives von derzeit gut 13 Bio. US-Dollar bis Ende 2026 auf über 23,2 Bio. US-Dollar anschwellen wird. Auch die BAI-Umfrage lässt ähnliche Schlüsse zu: Denn die Alternatives-Zielquote der befragten Investoren liegt bei rund 25 Prozent, der tatsächliche Anteil aber nur bei 22,7 Prozent. In fast allen Asset-Klassen der Alternative Investments haben die Investoren ihre Zielquote der Umfrage zufolge noch nicht erreicht, Ausnahme ist lediglich Real Estate Equity. Besonders viel Spielraum nach oben wird bei Private Debt und Infrastruktur ausgemacht.

Auch Universal Investment rechnet mit weiter steigenden Volumina und Quoten und einem anhaltend positiven Trend für Debt-Strukturen und Alternatives, die ESG-Kriterien genügen. Das liegt auch daran, dass der Asset-Klasse Alternative Investments auf dem Weg hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft eine besondere Rolle zukommen dürfte. Viele neue Windkraft-, Solar- und Wasserkraft- anlagen werden gebraucht, ebenso die entsprechende Netzinfrastruktur. Auch in der allgemeinen Infrastrukturerneuerung hat Deutschland spürbare Defizite, etwa im öffentlichen Nah- und Fernverkehr.

Innovationstreiber Alternative Investments

Daneben zeichnet sich noch eine weitere Entwicklung ab, die die Zukunft stark prägen dürfte: die Digitalisierung. Im Bereich Alternative Investments können digitale Assets die Mindestanlage senken und die Fungibilität verbessern. Die Möglichkeiten reichen hier von Infrastrukturinvestments, etwa in erneuerbare Energien, beispielsweise Windkraft- anlagen, bis hin zu Finanzierungen von Waldprojekten. Fondsinitiatoren können sich damit neue Kundengruppen erschließen. Auch um diese neue Asset-Klasse abzubilden, hat die Universal Investment Gruppe mit UI Enlyte eine neue Gesellschaft gegründet.

Im Übrigen spielen Alternatives für Innovationen oft eine besondere Rolle. Carbon-Capture-Anlagen, für das Abscheiden und Speichern von Kohlendioxid, neue Arten der Energiegewinnung und -rückgewinnung, neuartige Methoden in der Medizintechnik – all diese Innovationen werden oft nicht gleich über die Börse finanziert, sondern zunächst über Private Markets. Der Alternatives-Boom dürfte damit noch lange nicht an sein Ende gekommen sein.

BAI-Beitrag

Dieser Artikel ist bereits in der BAI-Jubiläumsbroschüre erschienen.
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